Ein sehr, sehr langer Boxenstopp 

17.12.2020

Gefühlt sind nur einige Wochen vergangen seit meiner Rückkehr aus Portugal. Doch der Kalender sagt: nein, es ist vier Monate her! 

Wikipedia: "Als Boxenstopp bezeichnet man im Motorsport das kurzfristige Stoppen eines Fahrzeugs in der Box, um aufzutanken, neue Reifen zu montieren, kleine Reparaturen und/oder mechanische Einstellungen vorzunehmen oder den Fahrer auszutauschen."
Wikipedia: "Als Boxenstopp bezeichnet man im Motorsport das kurzfristige Stoppen eines Fahrzeugs in der Box, um aufzutanken, neue Reifen zu montieren, kleine Reparaturen und/oder mechanische Einstellungen vorzunehmen oder den Fahrer auszutauschen."


Ankunft in der Schweiz

Zusammen mit Antonio reiste ich im August von Avignon zurück in die Schweiz (siehe letzter Blogbeitrag). Antonio checkte für ein paar Tage in einem Hostel am Bielersee ein. Ich konnte bei einer Freundin und ihrem Partner wohnen. So hatte ich Zeit, um in Ruhe anzukommen und auszupacken. Antonio erkundete währenddessen die Umgebung.

Für ihn war es der erste Aufenthalt in der Schweiz. Ich war etwas aufgeregt, weil ich nicht einschätzen konnte, ob er sich hier wohlfühlen wird. Aber er war sofort begeistert vom schönen Drei-Seen-Land, von den unzähligen Möglichkeiten zu wandern und vom guten öffentlichen Verkehr.

Teil des Drei-Seenlandes: der Bielersee
Teil des Drei-Seenlandes: der Bielersee

Schon nach wenigen Tagen gingen wir gemeinsam zum SBB-Schalter, wo er sich ein Halbtax-Abo kaufte. Muss er im Zug die rote Karte in Kreditkartenformat vorweisen, fühlt er sich nun schon halbwegs eingebürgert :-)

Für mich war das Ankommen etwas komplizierter. Du weisst vermutlich, wie es sich anfühlt, wenn man viele Stunden auf einem Schiff verbracht hat und sich wieder daran gewöhnen muss auf festem Boden zu stehen? So ähnlich ging es mir als schlagartig das monatelange Herumreisen zu Ende ging. Selbst jetzt, nach vielen Wochen, empfinde ich es noch als gewöhnungsbedürftig. 


Die Liebe und die Neuplanung

Seit Dezember 2019 hatte ich geplant im Sommer 2020 mit der Grand Tour de Suisse zu beginnen und dabei zu prüfen, ob ich das Leben im Zelt mag (Link zum Blogartikel).

Nach unseren ersten Wanderungen in der Schweiz war Antonio sofort bereit diese 1600 Kilometer lange Route rund um die Schweiz mit mir zu laufen. Also erklärten wir die Grand Tour de Suisse zu unserem gemeinsamen Projekt. 

Einige Anpassungen waren allerdings notwendig, schliesslich wohnt und arbeitet Antonio in der Nähe von Düsseldorf. Wir können nicht, wie ursprünglich geplant, während Wochen eine Etappe nach der anderen laufen. Aber die Aussicht, diese Route gemeinsam zu wandern, sind mir die Anpassungen Wert. Die Schweiz ist ein Paradies, dessen Schönheit mich oft überwältigt. Wie viel Freude würde es mir erst machen, mit Antonio, der die Schweiz nicht kennt, Schweizer Naturschönheiten zu entdecken! 

Wir verschoben also den Start auf Antonios Ferien im September und ich fuhr für eine Woche zu ihm nach Deutschland. Geblieben bin ich dann drei Wochen.


Erste Camping-Erfahrung mit meinem ultra-leichten Trekkingzelt 

Doch zuvor hatte ich noch etwas zu erledigen: ich wollte - wie geplant - meine Campingtauglichkeit und mein Mini-Trekking-Zelt namens "Santiago" von mapuera in einer sicheren Umgebung testen.  

Klein aber fein und nur 1 Kilo schwer: das ultraleichte Trekkingzelt "Santiago" von mapuera
Klein aber fein und nur 1 Kilo schwer: das ultraleichte Trekkingzelt "Santiago" von mapuera
Abendidylle am Campingplatz in Biel
Abendidylle am Campingplatz in Biel
Zusammenpacken am nächsten Morgen
Zusammenpacken am nächsten Morgen

Nach der ersten Nacht auf dem Bieler Campingplatz fragte Antonio mich am Telefon nach einem Fazit zu meiner Erfahrung. Ich sagte: "Es hat mir gefallen. Sehr gut sogar." Selbst als blutige Anfängerin hatte ich beim Aufstellen des Zeltes keine Probleme und hatte wunderbar geschlafen. "Allerdings", so sagte ich "gibt es 20 Gründe, es nie wieder zu tun". Antonio schwieg überrascht, stellte aber keine Fragen. 

Erst beim nächsten Treffen fragte er mich nach den 20 Gründen. Ich zog mein T-Shirt etwas hoch und zeigte ihm die rund zwanzig geschwollenen Einstichstellen an Bauch, Rücken und Armen. Irgendein Insekt hatte in der Nacht den Weg in mein Zelt oder meinen Schlafsack gefunden. 

Ich lachte, als ich sah, wie erleichtert er darüber war, dass die "20 Gründe gegen das Campieren" in Wirklichkeit nur aus EINEM Grund bestanden. Diesen Grund werde ich zu beheben wissen. Weiteren Camping-Abenteuern steht also nichts im Wege.


Start in die Grand Tour de Suisse

Zum Ferienanfang im September reiste Antonio wieder in die Schweiz und sah erstmals richtig hohe Schweizerberge. Denn wir starteten nicht, wie ursprünglich geplant, in Basel, sondern im Berner Oberland. Das liess sich besser mit meinem nachfolgenden Einsatz als Hospitalera in der Pilgerherberge in Brienzwiler kombinieren. 

Postkartenwetter und ein feierlicher Einstieg

Freundlicherweise hat das Wetter die Berge extra am Tag seiner Anreise mit frischem Schnee gepudert. Bald kam ein blauer Himmel dazu, was Antonio das Gefühl gab mitten in das Klischee einer Postkartenlandschaft geraten zu sein. Er war ein bisschen fassungslos und ich amüsierte mich köstlich, dass die Landschaft und das Wetter ihn so beeindrucken. 

Blick aus der Ferienwohnung: gepuderte Bergspitzen zum Start
Blick aus der Ferienwohnung: gepuderte Bergspitzen zum Start

Mir war schon bei den Vorbereitungen auf die Grand Tour nach Feiern zumute. Der Grund war: Antonio. Damit Du das verstehst, muss ich ein paar Jahre in der Zeit zurückgehen und erzählen, wie es mir damals ging.


Ein Herzenswunsch, der sich nicht erfüllen will

Vor über zwei Jahren beschloss ich die Suche nach einem Partner ad acta zu legen. Der Versuch jemanden zu finden, der zu meinen Plänen und Werten passt, war wenig erfolgreich. Es fühlte sich an, als versuche ich eine verriegelte Tür zu öffnen. 

Dies frustrierte mich zunehmend, weil ich das Gefühl hatte, sinnlos Zeit zu vergeuden. Zu einer Freundin sagte ich 2017, dass ich keine weitere Zeit in Dates und Mails via Datingplattformen mehr investieren will. Statt meine Freizeit vor dem Bildschirm zu verbringen und Zeit in Kontakte zu investieren, die rasch wieder versanden, wollte ich - gemäss dem Slogan -

Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum

lieber jetzt 

  • meine Träume verwirklichen
  • mich in (Reise-)Abenteuer und Herausforderungen verwickeln lassen und 
  • davon ausgehen, dass ich dabei gelegentlich einem passenden Mann begegne. 

"Vielleicht schwingt er an irgendeiner Liane herum, wenn ich einen Dschungel durchwandere" witzelte ich und wir lachten.


Der Wunsch wird doch wahr

Im Sommer 2020 passierte es tatsächlich (siehe letzter Blogbeitrag): Antonio tauchte in dem Hostel in Evora auf, in dem ich meine letzten Tage vor meiner Abreise aus Portugal verbrachte. 

Er war in Portugal, weil er die Quarantänezeit in Deutschland nutzen wollte um herauszufinden, ob er eine bescheidenen Bleibe findet, die es ihm ermöglicht seine Fixkosten zu reduzieren und dafür mehr zu reisen. Er wollte also genau das tun, was ich bereits tat:

  • bescheidener und stressfreier leben
  • sich viel bewegen
  • mehr reisen und Naturschönheiten entdecken. 

Klingt fast wie ein Märchen. 
Ist aber keins.

Ihn getroffen zu haben, ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Deshalb wollte ich unsere gemeinsame Tour mit einem besonderen Auftakt starten. Ich suchte nach einem besonders schönen Ausgangspunkt und plante die zwei Metalltassen zum Anstossen mit zu nehmen, um Antonio zu erzählen, was diese Tassen mit unserem Kennenlernen zu tun haben. 


Die zwei-Tassen-Geschichte

Das war so: zirka 2017 schrieb ich - wie oben bereits geschildert - das Thema Partnerschaft ab. Die Tür war zu, also würde ich nicht daran rütteln.
Dann passierte in diesem Bereich lange nichts. Oder fast nichts.

Doch kaum kam ich im Februar 2020 in Porto an, verliebte sich ein Portugiese in mich. In Faro traf es den nächsten. Beide Männer waren fasziniert von meiner Unabhängigkeit, beide himmelten mich an "weil ich etwas Besonderes" sei. Sie selbst steckten in Jobs, Rahmenbedingungen und Verpflichtungen, die sie zu sehr beschäftigten, um ihre Träume ernst zu nehmen und neue Möglichkeiten zu schaffen. 

Beide versuchten sofort mich zu vereinnahmen - als könnte ich ein Ersatz dafür sein, dass sie ihre Träume verwirklichen. Das war das Ende, noch bevor etwas anfing. Denn freiheitsliebend wie ich bin, schaute ich, dass ich weg kam bzw. setzte den einen mit viel Entschlossenheit vor die Tür meines airbnb.

Eine leise Ahnung

Das hätte unerfreulich und deprimierend sein können, war es aber nicht wirklich. Denn  mir schien, dass sich an der bisher verschlossene Tür nun plötzlich etwas regte. Ohne mein Zutun waren zwei recht interessante Männer in meinem Leben aufgetaucht, die sich für mich interessierten. 
Das schien mir bemerkenswert.
Auch wenn dies noch kein Erfolg war, hatte ich das Gefühl, dass eine neue Ära beginnt.

Ein denkwürdiges Symbol

Zwei Monate später bummelte ich in Almada bei Lissabon (siehe Blogbeitrag) durch die Strassen und stiess dabei auf einen 1-Euro-Shop. Da entdeckte ich etwas, das ich schon lange gesucht hatte: eine kleine, federleichte Metalltasse, die ich für den Kaffee oder Tee auf dem Wanderweg in den Rucksack stecken kann. Bisher hatte ich nur grosse, schwere oder sehr teure Exemplare gefunden. Doch hier fand ich das Gesuchte. Papierbecher und Plastikmüll ade!

"Nur EIN Euro?" frage ich die Verkäuferin ungläubig. Worauf sie mir irgendetwas auf portugiesisch antwortete. Es schien Zustimmung zu sein. Die Ergänzung, die der Zustimmung folgte, verstand ich nicht. "Sicher nicht besonders wichtig", dachte ich, nahm glücklich eine Tasse in die Hand, guckte noch ein bisschen herum und ging dann zur Kasse. 

Allerdings - die Verkäuferin wollte mir die Tasse nicht verkaufen. "Man kann nur ZWEI Metalltassen für einen Euro kaufen", erklärte sie mir. Eine einzelne zu bekommen war nicht möglich. "Was soll's?!" dachte ich "Vielleicht bin ich irgendwann mal froh über die Reserve". Und dann tauchte ein ganz anderer Gedanke auf: "Vielleicht brauche ich ja zwei Tassen, weil ich bald nicht mehr alleine bin? Vielleicht will mir das Leben etwas sagen?" Sorgfältig verstaute ich die zwei Schätze im Rucksack. 10 Tage später lernte ich Antonio kennen.


Voretappe: Grimmialp-Panormaweg

Einen würdigen Ort für den Start der Grand Tour de Suisse fand ich bald. Auf der Grimmialp würden wir auf den Start der Tour und unser Glück anstossen. 

Am 28. September 2020 zogen wir früh morgens los. Beim Kurheim Grimmialp purzelten wir an der Bushaltestelle aus dem Postauto und stellten fest, dass im Restaurant noch alles schlief. Für Kaffee und letzte Vorbereitungen gab es keine Möglichkeit und so liefen wir rasch los - kalt wie es war.

Antonio vor der prächtigen Bergkulisse. Auf dem Panoramaweg der Grimmialp
Antonio vor der prächtigen Bergkulisse. Auf dem Panoramaweg der Grimmialp

Statt Kaffee bekamen wir in den ersten Stunden unserer Wanderung eine lustige Geschichte vom "Grimmimutz" serviert. An verschiedenen Stationen lasen wir uns die Texte, die an den Bäumen und Zäunen hingen, gegenseitig vor und lernten dabei das nette Waldmanli Grimmimutz, seinen Freund Spillgert, die böse Pfefferhexe und Lothar mit seinem üblen Mundgeruch kennen. Letzterer kann - laut Geschichte - mit einem einzigen Atemhauch Stürme entfesseln und Bäume knicken. 

Die Geschichte hat uns so amüsiert, dass wir bei aktuellen Wanderungen immer wieder darüber sprechen: wenn es stark windet zum Beispiel, sagen wir: "Lothar ist wieder unterwegs".

Danach entdeckte ich am Wanderweg eine Seilrutsche. Ich legte mein Gepäck ab und probierte sie aus. Schon als Kind waren Seilrutschen mein Lieblingsspielzeug gewesen. 

Was ich an Antonio seit unserem ersten Kennenlernen schätze, ist seine Bereitschaft (fast) alles mitzumachen. Sein Entdeckergeist und seine Freude am Spiel sind so gross, wie meine. Es wunderte mich also nicht, dass ihm dieses Kinderspiel soviel Spass macht wie mir. 

Doch dieser Spielerei folgten Herausforderung, die etwas grösser waren als erwartet. Eine Passage des 10 km langen Wanderweges war sehr, sehr steil und forderte meine Kräfte (hier geht's zur Wegbeschreibung). Gleichzeitig war die bergige und abgelegene Landschaft ganz nach meinem Geschmack. 

Einmal mehr zückte das Wetter (oder die Schweiz?) alle Register um Antonio zu beeindrucken. Verschwitzt und fröstelnd kamen wir auf der Alp Grimmi an und setzten uns an die windgeschützte Mauer eines Schuppens, um etwas zu essen. Da öffnete sich die Wolkendecke. Die Sonne wärmte uns während des Mittagessens und wir stiessen mit den beiden Metalltassen (und Tee) zum gelungenen Start der Grand Tour de Suisse an.  

Anstossen zum Start der Grand Tour de Suisse: auf der Alp Grimmi (1739 M.ü.M)
Anstossen zum Start der Grand Tour de Suisse: auf der Alp Grimmi (1739 M.ü.M)

Am zweiten Tag starteten wir bei derselben Postautohaltestelle wie am Tag zuvor und liefen unsere erste Etappe der Grand Tour de Suisse - durchs schattige Diemtigtal bis nach Spiez (Wegbeschreibung).  Von da aus folgten wir am 3. und 4. Tag dem Panorama-Rundweg Thunersee bis nach Interlaken (Wegbeschreibung von wanderland.ch).

Nicht immer hatten wir Wetterglück. Dafür lernten wir bald, dass das keinen von uns wirklich stört. Besonders wenn wir unser Picknick an einem warmen Feuer im Freien halten können, sind wir beide zufrieden und glücklich.

Grillieren bei Regenwetter auf der Grand Tour de Suisse, oberhalb von Krattigen
Grillieren bei Regenwetter auf der Grand Tour de Suisse, oberhalb von Krattigen


Wie wichtig sind meine Herzenswünsche? oder - Die Angst vor dem Bruch

Als ich im Sommer zwei Wochen bei Antonio war und testen konnte, wie wir im Alltag zusammen auskommen, wurde ich immer bedrückter, obwohl ich mich mit ihm, in seiner Wohnung und in der kleinen Stadt wohlfühlte. 

Ich nahm mir etwas Nachdenkzeit, um herauszufinden, was an der aktuellen Situation stimmt und was nicht. 
Es wurde mir rasch klar 
- und es erschreckte mich. 
Aber ich hatte keine Wahl: entweder würde ich Antonio damit konfrontieren was ich wirklich will und entsprechend zufrieden sein oder ich würde zu grosse Kompromisse eingehen und meinen eigenen Herzenwünschen (Big Five) untreu werden.

Am Puls der Herzenswünschen dran bleiben

Als wir uns eines nachmittags in den sonnigen Park setzen, nahm ich allen Mut zusammen und erklärte ihm, 

  • wie herausfordernd es für mich gewesen war meine Wohnung aufzugeben
  •  wie wichtig dieser Schritt für mich war, weil es mir ermöglicht, oft unterwegs zu sein. 

Nun - nach wenigen Wochen unseres Kennenlernens - zeichnete sich bereits ab, dass Antonio mich gerne bei sich behalten hätte. Aber ich spürte, dass es absurd ist, meine eigene Wohnung zugunsten meiner Ziele und Herzenswünsche aufzugeben und danach in Antonio's Wohnung einzuziehen. 

Ich erinnerte mich, wie schön der Oktober 2019 im Süden der Schweiz (siehe Blogbeitrag) zum Wandern gewesen war. Einen ganzen Herbst im grau-kühlen Städtchen bei Antonio zu verbringen? Das konnte ich mir nicht vorstellen! Lieber wollte ich wieder im goldenen Herbstwald wandern und mir einen Freiraum schaffen, um weiter an meinem Buch zu schreiben. 

"Ich könnte ja", so überlegte ich "die restlichen Abschnitte des Trans Swiss Trails zwischen Airolo und Mendrision laufen". Die hatte ich vor dem Wintereinbruch im letzten Jahr nicht mehr geschafft. Zufällig fand ich ein sehr günstiges airbnb-Angebot im italienischen Dörfchen Erbonne, nahe von Mendrisio. 

Antonio's Reaktion

Im Vorfeld mochte ich mir gar nicht vorstellen, wie Antonio meine Worte aufnehmen würde. Fantasien hatte ich viele. Ich war besorgt, unruhig auch ängstlich. Doch all das war völlig unnötig.  

Als ich Antonio von meinem Plan erzählt hatte, war er wirklich verstimmt. Aber nicht, weil ich seinen Wunsch, dass ich bei ihm bleibe, ausschlug. Er war verstimmt, weil er sich wünschte, er wäre genau so frei wie ich und könnte einfach Zeit im Tessin verbringen. 

Rasch war beschlossen, dass ich das air-bnb-Angebot buche und er mich mindestens einmal besuchen würde. Tatsächlich fuhr er dann dreimal innerhalb eines Monats den langen Weg ins Tessin, um die sonnigen Tagen und das gemeinsame Wandern zu geniessen. 


Total verliebt in Erbonne

Das Ferienhaus liegt direkt an der Schweizer Grenze, gehört aber bereits zu Italien. Montags bis Donnerstag/Freitag arbeitete ich intensiv an meinem Buch. Nebenbei wanderte ich im Herbstwald herum. 

Die Blätter der Bäume waren bei meiner Ankunft anfangs Oktober noch grün. Wenige Tage später strahlten und flimmerten sie golden im Sonnenlicht. Ende Oktober wurden sie braun und regneten mehr und mehr als weiches Polster auf den Waldboden herunter. Ich kraxelte auf den Hügeln der Umgebung herum und genoss dieses Naturschauspiel.

Mitten im wunderschönen Nirgendwo. Blick von Erbonne Richtung Mendrisio
Mitten im wunderschönen Nirgendwo. Blick von Erbonne Richtung Mendrisio

Dass das Dörfchen sehr(!) abgelegen ist, wusste ich. Das Postauto, das 4mal täglich fährt, braucht für den Weg nach Mendrisio über eine Stunde. Unter anderem, weil es die engen Kurven nicht immer im ersten Anlauf schafft und immer wieder mal ein paar Zentimeter vor und zurückfahren muss.

Beim Buchen des airbnb war mir klar, dass ich in einem kleinen Dorf sein werde. Eine Osteria wurde mir auf google maps angezeigt, aber kein Laden und keine Post. Erst vor Ort erfuhr ich, dass nur noch 8 Menschen im Dörfchen leben. Die waren über meine Ankunft alle informiert.

Das Dörfchen Erbonne (Italien)
Das Dörfchen Erbonne (Italien)
Die Brücke vor meiner Haustür - Fussweg nach Scudellate (Schweiz)
Die Brücke vor meiner Haustür - Fussweg nach Scudellate (Schweiz)

Um einzukaufen musste ich nach Mendrisio fahren. Dafür wanderte ich von meiner Haustür aus 25 Minuten durch den Wald zur nächsten Postautostelle in Scudellate. 

Ein Tag vor der Anreise nach Erbonne hiess es plötzlich der Weg sei wegen umgefallener Bäumen unpassierbar. Doch das erwies sich als Falschmeldung. Ein Glück. Ich hätte sonst einen dreistündigen Fussmarsch machen müssen, um auf der italienischen Seite einkaufen zu gehen.  

In Erbonne hatte ich keinen Internetanschluss. Nur im Postauto oder in der Eisdiele in Mendrisio konnte ich mich im Internet einloggen. Telefonieren und smsen wären in Erbonne zwar möglich gewesen, allerdings verschwand vor meiner Abreise nach Erbonne mein Handy in Antonios Tasche und zeigte sich erst in Düsseldorf wieder. So war ich zwei Wochen ohne "digitale Grundausrüstung" - diesmal allerdings unerwartet und ungeplant, nicht so wie im Sommer auf dem Campingplatz.


Erbonne: Nachwirkungen

Die Wochen in Erbonne waren sagenhaft schön. Das Wetter fast immer sonnig, die Stille am Abend tief, klar und weit. Oft stand ich im Garten und tat nichts anderes, als in die farbigen Blätter der Bäume oder den Sternenhimmel anzuschauen und den wenigen Geräusche zu lauschen. 

Antonio und ich mochten unser Steinhaus. Im unteren Stock gab es eine gut ausgerüsteten Mini-Küche mit einem Holztisch und 4 Stühlen. Am Cheminée stand ein(!) Lesesessel. Diese paar Quadrameter waren unser Wohnbereich. Eiskalte Gänge aus Steinmauern führten in die oberen Etagen, wo sich zwei Schlafzimmer mit Holzbetten aus Grossmutters Zeiten und das Bad befanden. Hinter dem Haus war ein grosser Garten. Wir genossen das Häuschen, die Wanderungen durch den herbstlichen Wald in vollen Zügen und waren einfach nur glücklich mit unserem bescheidenen Leben.

Erbonne von oben. Unser Ferienhäuschen steht direkt neben der Kirche
Erbonne von oben. Unser Ferienhäuschen steht direkt neben der Kirche

Niemals hätte ich vermutet, dass diese Tage eine einschneidende Wirkung auf mich und Antonio haben würde. Doch als ich anfangs November bei Antonio zu Hause eintrudelte - weil wir es nicht risikieren wollten, dass wir uns wegen der Coronamassnahmen während Wochen nicht sehen können - merkte ich es: dieser Monat in Erbonne hatte mir gezeigt, dass ich mich nicht eigne für 

  • ein Leben in der Stadt - viel zu laut und umtriebig
  • das Wohnen in einer so verkehrsreichen Region wie dem Ruhrgebiet, die zudem im Herbst trüb, nass und kühl ist
  • das normale Leben - das überfrachtet ist mit viel zu vielen Dingen, die wir nicht wirklich brauchen, viel Lärm und Verpflichtungen.

Zum Glück geht es uns beiden so. Beide vermissen wir Erbonne und sind zu Schluss gekommen, dass wir uns neben dem Reisen, ein stilles Leben, umgeben von Natur wünschen. 

Auch darin sind wir uns einig: Antonios aktueller Wohnort ist für uns beide eine Zwischenstation. Antonio hat hier seine Arbeit, aber wir wünschen uns beide einen Ort zu finden, wo wir unsere Dinge verstauen können - so wie ich im Bastelraum in Lyss. Und dann möchten wir beide oft unterwegs sein.


Viele Fragen

Was uns wichtig ist und was wir nicht mehr wollen, ist somit klar. Wie wir das umsetzen können, ist unklar. Nicht nur, aber auch wegen Corona.

Wir haben für das neue Jahr trotzdem mutig eine Reise nach Portugal und eine Reise in den Osten geplant. Doch aktuell ist das Planen fast unmöglich. Es gibt zu viele Unbekannte. Deshalb werden wir fortlaufend sehen was umsetzbar ist. Falls es keinen Platz für die grösseren Träume gibt, werden wir uns auf kleinere konzentrieren. Erbonne hat uns gelehrt, wie wenig wir brauchen, um das leben zu können, was wir leben wollen. Trotz Corona.

Mein Wunsch wäre es, die im letzten Jahr verpasste Mandelblüte nachzuholen. Ich habe aber auch kein Problem, das auf ein anderes Jahr zu verschieben. Nur eines ist sicher: ich will raus. Ich will laufen und die Welt sehen. Wir wollen das beide und wir werden nach Wegen suchen, wie wir das tun können. 

Über Weihnachten werden wir einige Tage im einsamen Jura sein, um wieder in einer wunderschönen Landschaft wandern zu können. Wie es danach weitergeht, werde ich hier im neuen Jahr weiter erzählen.


Wünsche zum Jahresende 2020

Sicher beschäftigst auch Du Dich mit Zukunftsfragen, denn das neue Jahr steht vor der Tür. Sicher fragst auch Du Dich, wie das neue Jahr werden wird. Für diese unsichere Zeit möchte ich Dir ein Zitat zum Jahresabschluss mitgeben:

Gib nicht zu schnell auf - 
manche Tür, 
von der du glaubst, sie sei verschlossen,
klemmt nur ein wenig
Zitat von Lilli U. Kessler, Schriftsstellerin

Herzliche Grüsse und viel Freude beim mutigen Dranbleiben an Deinen Herzenwünschen im 2021!