Von Sagres bis Lissabon - krisengeschüttelt; Teil 1

07.07.2020

Heraus zu finden wie es NICHT geht, ist auch ein Erfolg. Es fühlt sich allerdings nicht so gut an. Zumindest nicht im ersten Moment.

***

In Lagos war noch alles richtig

Von meinem kleinen Zimmer aus konnte ich den Störchen auf dem Nachbarnhaus zuschauen. Die Temperatur war immer angenehm, der Raum hell. Ich konnte den ganzen Tag arbeiten. In dieser Stadt mit den verwinkelten Gässchen fühlte ich mich sehr wohl, ich war schnell am Strand, schnell im Stadtzentrum und fand alles was ich für die weitere Reise brauche - ausser einer Karte vom Fischerweg.  

anfangs gehört die Strandpromenade noch mir
anfangs gehört die Strandpromenade noch mir
Blick zum Strand
Blick zum Strand
Sichtbar: das Ende des Lockdowns
Sichtbar: das Ende des Lockdowns

Sogar auf ein Antiquariat mit deutschen Büchern stiess ich. Fast hätte ich auch ein portugiesisches Buch gekauft. Noch immer verstehe ich kaum Portugiesisch, aber Lesen geht ziemlich gut, denn das Geschriebene ist dem Französisch recht ähnlich. 

Es sind wieder Menschen da!

Nach wochenlangem Allein-sein in Faro, bevölkerte sich hier plötzlich mein Leben wieder. Meine Gastgeberin Laura begrüsste mich persönlich im airbnb. Das war das erste Mal seit dem Lockdown. Bei den anderen airbnb erhielt ich per Mail die Zugangsdaten, damit konnte ich die Schlüsselbox für die jeweilige Wohnung öffnen 
Was für ein Unterschied, wenn man persönlich angesprochen wird!

Ein junges indisches Paar wohnte ebenfalls in diesem airbnb. Sie flogen drei Tage später zum Arbeiten in die Schweiz. In Männedorf hatten sie schon die letzten Jahre in einem Restaurant gejobt. 
Im airbnb war alles coronakonform: kein Massenschlag, getrennte Badezimmer, nur die Küche nutzten wir gemeinsam, als wir herausfanden, dass wir alle drei die letzten Wochen meist alleine gewesen waren.

Am zweiten Abend wurde ich von den beiden zu einem indischen Festmal eingeladen. Die junge Inderin hatte Geburtstag. Zwei indische Freundinnen des Pärchens kamen ebenfalls vorbei, und so befand ich mich bald im "indischen Portugal", fühlte mich eingeladen und total ausländisch :-)

Das ist eine hausgemachte, indische Geburtstagstorte aus Portugal :-)
Das ist eine hausgemachte, indische Geburtstagstorte aus Portugal :-)

Die beiden halfen mir eine portugiesische SIM-Card zu organisieren, weil mein Schweizer Abo zu einer hohen Rechnung geführt hatte und innerhalb von Portugal die Verbindungen nicht funktionierten.

Als sie mir erzählten mit wie viel organisatorischem Aufwand es für sie verbunden ist ihren Job in der Schweiz zu bekommen, sagte ich spontan: "Ruft mich einfach an, wenn es ein Schweizer-Poblem gibt oder ihr mit einem Dokument nicht klar kommt".  So ist das beim Reisen: rasch ist man auf Hilfe angewiesen - und bekommt sie und die Freundschaft oft noch oben drauf. 
Ich denke mir nicht viel, als ich das sage. Denn für mich wäre so ein Anruf ja kein Problem. Aber an ihrer Reaktion merke ich, dass sie das Angebot erleichtert. Ich bin ein bisschen überrascht.


Strom- und internetfreier Wohnwagen in Barão de São João

In Sagres konnte ich bis auf die Wanderkarten alles finden, was ich für die geplante Wanderetappe brauchte. Doch vor dem Start zog ich, etwas ausserhalb von Sagres, wie geplant für drei Tage auf den computer- und internetfreien Campingplatz und freute mich darauf. Durch die  Online-Ausbildung hatte ich eine Überdosis an Bildschirmzeit und ein akuten Natur-Mangel. Ich hatte Respekt. Würde mir die Decke auf den Kopf fallen da mitten "im Dschungel"?

Blick Richtung "Campingplatz". Oben am Hügel ist das Haus, wo es notfalls auch Internet gäbe
Blick Richtung "Campingplatz". Oben am Hügel ist das Haus, wo es notfalls auch Internet gäbe
Ringsherum ganz viele Bäume - endlich wieder mal
Ringsherum ganz viele Bäume - endlich wieder mal

Auch hier wurde ich persönlich und mit grosser Herzlichkeit empfangen und ich genoss es wieder einmal deutsch zu sprechen. Die ursprünglich deutsche Familie lebt schon sehr lange auf diesem Grundstück, zieht Gemüse, Ziegen, Hühner und alles was man als Selbstversorger braucht.
Sonja und Erika stellten mir den erstaunlich gemütlichen und geräumigen Campingwagen "Rainbow" zum kleinen Preis zur Verfügung. Wer will, kann auch ein paar Stunden pro Tag konzentriert auf dem Hof mitarbeiten und sich so seinen Aufenthalt finanzieren. Digital Detox inklusive.

Ich hatte eine kleine, gasbetriebene Küche, einen Kühlschrank, ein gemütliches Bett und für die Abend ohne Internet, Fernsehen und Radio einige Solarlämpchen. Damit konnte ich das Buch aus dem Antiquariat in Lagos lesen. "Die unwahrscheinliche Pilgerreise" von Harold Fry war mir in die Hände gefallen und schien mir mit Blick auf meine geplante Wanderetappe sinnvoll.

Die Lage des Campingplatzes: in der Wildnis. Ich liebe es.
Die Lage des Campingplatzes: in der Wildnis. Ich liebe es.

Nein, ich erlebte keinen Schock wie die Gäste, von denen mir Sonja erzählte, die auf airbnb die Angaben nur überflogen und den Campingwagen buchten, ohne sich klar zu werden, dass es hier keine Camping-Infrastruktur mit Laden und Nachbarn gibt, kein Strom, kein Internet und "nur" ein Plumsklo und eine Solardusche. Ich wusste zuvor, worauf ich mich eingelassen hatte.
Die nächsten Dörfer sind zu weit entfernt,um einfach nur einen Kaffee trinken zu gehen. Mangels Animationsprogramm spazierte ich in diesen Tagen in den Wäldern herum, las und genoss die Ruhe und die Abgeschiedenheit.

Einsam fühlte ich mich nicht. Regelmässig schaute die eine Hündin vorbei und legte sich zu mir in die Nähe auf den Boden.

Am zweiten Tag zog Nuno im Häuschen unterhalb meines Campingwagens ein. Kaum war er da lud er mich zu einem Kaffee ein und erzählte mir, wie er als Jugendlicher von einer Schweizerfamilie aufgenommen wurde und dabei ganz viel für sein Leben mitgenommen hatte. Ich war anfangs zurückhaltend, wusste nicht recht, ob ich in den drei Tagen wirklich Kontakt knüpfen will, merkte im Gespräch aber bald, dass ich es hier mit einem besonderen Menschen zu tun habe.

Weil er ein Auto hatte und in Monchique Wasser aus der Quelle holen wollte, durfte ich mitfahren. Von diesem Städtchen hatte ich schon öfters gelesen, aber mit dem ÖV zu Coronazeiten wäre die Anreise zu kompliziert gewesen. 

Die Quelle
Die Quelle
ein Ausschnitt von Monchique
ein Ausschnitt von Monchique

Von Barão de São João zum Hostel on the Hill

Nach 3 Tagen auf dem Campingplatz trat ich am frühen Morgen die erste Etappe meiner Wanderung an. Nuno hatte mir vorgeschlagen mich - wo auch immer - hin zu bringen, aber ich wollte natürlich laufen und nahm das Angebot nicht an.

In Barao San Miguel genoss ich eine Wanderung durch den stillen Wald und war froh, dass der Weg entlang der "Via algarvia" gut markiert zu sein schien. Immer noch fehlte mir eine Karte, auf mein GPS konnte ich die portugiesische Karte nicht hochladen und mein Handy hat keinen ausdauernden Akku.
Anfangs ging alles gut.

Doch dann war an einer Kreuzung nicht klar, in welche der 4 Richtungen ich gehen muss. Ein Weg schien zurück nach San Miguel zu führen, da wollte ich natürlich nicht mehr hin. Eine zweite Richtung konnte ich aufgrund der Beschilderung ausschliessen. Um es kurz zu machen: ich kam 30 Minuten später wieder in San Miguel an. Nach einer fast 2-stündige Wanderung im Kreis.

Nach einer kurzen Anti-Frust-Pause trottete ich der Strasse entlang weiter. Den gleichen Weg durch den Wald mochte ich nicht mehr nehmen. Zudem hoffte ich früher oder später einen Bus zu erwischen. Doch das war nicht nötig. Nach 15 Minuten hielt Nuno mit seinem Auto neben mir. Er war auf Frühstückssuche und lud mich eine halbe Stunde später vor dem Hostel on the Hill in Hortas do Tabula ab. Meine geplante dreistündige Wanderung fiel damit deutlich kürzer aus als vorgesehen, aber so hatte ich den Rest des Tages Zeit hier die Gegend zu erkunden. Da es im kleinen Dörfchen keinen Laden gab, musste ich ohnehin ins nächste Dorf laufen, um fürs Abendessen einzukaufen. 

Krisen-Wolken am Himmel

Schon am Ende dieses Tages war mir klar, dass ich in einer Krise stecke. Während der schönen Wanderung war ich sehr aufgewühlt. Die Geschichte von Harold Fry's Pilgerreise, konnte ich seinem inneren Kampf bei seiner Wanderung verfolgen. Nun merkte ich, wie viel mich selbst gerade beschäftigte.

1. Krisenthema: Nachwirkungen der Isolalation im Lockdown und Zukunftsfragen

Der Lockdown war vorbei, es waren wieder Menschen da, die mich anschauten und mit mir redeten. Wochenlang fühlte ich mich durch das Verhalten der Portugiesen, als sei ich Luft. Meine Online-Ausbildung war abgeschlossen, aber es war noch unklar, ob sie mir Geld bringt. 

2. Krisenthema: weich sein - hart sein

An Nuno fiel mir seine Sanftheit und Sensibilität auf. Besonders bei Ausflug nach Monchique als er wegen eines Restaurants nach dem Weg fragte. Nun ist Sanftheit nicht eine Eigenschaft, die positiv belegt ist.  Ich hatte selbst im letzten Jahr erlebt, dass mir eine Kundin vorwarf im Umgang mit den Kursteilnehmenden zu weich und zu streng zu sein. Beides gleichzeitig. 

Zu streng war ich zum Beispiel, wenn ich bei der Vorstellungsrunde die 3 Minuten-Uhr aufstellte, um die Redezeit jedes Teilnehmenden zu begrenzen. Zu weich, wenn ich dafür plädierte, dass die Teilnehmenden ihren Lernfahrplan flexibel bestimmen können.
Meine Meinung war: die Teilnehmenden müssen neben der Ausbildung auch noch sich selbst, Familie und Beruf unter den Hut bringen. Die Kundin aber hielt dieses "Weich-sein" gegenüber den Bedürfnissen der Kursteilnehmenden für meine persönliche Schwäche.
Damals schon war mir klar, dass das was meine Kundin störte nicht meine Schwäche, sondern meine Stärke ist. Bei Nuno konnte ich das im Umgang mit anderen tatsächlich sehen, auch wenn sich das nur schwer erklären lässt.

Diese Thema arbeiteten heftig in mir beim Wandern im stillen Wald, genau so wie die Erinnerung an meinen Austritt aus dem Vorstand im Frauenverein, wo ich entschieden hatte mir gegenüber "weich" zu sein und mir zu erlauben meine Aufgaben einfach abzugeben, statt mich wie gewohnt durchzukämpfen.

Der Druck aus den letzten Monaten kam an die Oberfläche, so dass ich bei meiner Waldwanderung im Kreis einige Zeit weinte. Danach spürte ich klar: in Zukunft wollte ich meine weiche Seite noch mehr stärken, statt der Aufforderung härter zu sein zu folgen.

Auf Nuno's facebook-Account fand ich folgende Geschichte, die treffend beschreibt wohin ich will: 

Die Geschichte des Tages: Dieses Schaf entkam einer Farm und verbrachte 6 Jahre in den Bergen. Als es gerettet wurde, nahm man ihm 30 kg Wolle ab. Es gab Spuren: die Wölfe hatten versucht es zu fressen, aber die Zähne konnten nicht in die Wolle eindringen. Moral der Geschichte: Es gibt keinen Grund, hart zu werden, um die Wölfe zu überleben. Einfach weich werden.
Die Geschichte des Tages: Dieses Schaf entkam einer Farm und verbrachte 6 Jahre in den Bergen. Als es gerettet wurde, nahm man ihm 30 kg Wolle ab. Es gab Spuren: die Wölfe hatten versucht es zu fressen, aber die Zähne konnten nicht in die Wolle eindringen. Moral der Geschichte: Es gibt keinen Grund, hart zu werden, um die Wölfe zu überleben. Einfach weich werden.


3. Krisenthema: der "Fischerweg" und das Schulterproblem

Am nächsten Morgen begann die Etappe auf dem Fischerweg. Zuerst sass ich am  menschenleeren Strand und arbeitete an meinem Buch. Als die Durchschnittsbevölkerung das Frühstück beendet und den Strand gefunden hatte, zog ich los und stand schon nach 5 Minuten vor einem Schild das vor einem schwierigen Weg mit Absturzgefahr warnte. Zwar würde ich mich als geübte Wanderin bezeichnen, aber als ich mir die Stelle genauer ansah umging ich sie und fand eine Viertelstunde später wieder auf den richtigen Weg.

ganz schön gefährlich
ganz schön gefährlich
Der gut markierte Fischerweg
Der gut markierte Fischerweg


Kaum begann ich zu laufen, holten mich die Krisenthemen wieder ein. Weil ich hier nicht im Wald sondern an der Küste wanderte musste ich mich trotzdem konzentrierten. Zudem wollte ich diesen wunderschönen Weg geniessen.

Ziel: Sagres, der hinterste Zipfel des hier sichtbaren Festlandes
Ziel: Sagres, der hinterste Zipfel des hier sichtbaren Festlandes

Nach der Mittagsrast geriet ich allerdings an eine sehr steile Stelle, die es erforderlich gemacht hätte, sitzend über einen Meter auf dem glatten Stein herunter zu rutschen. Rechts und links gab es keine alternative Wege. Auch zum Festhalten gab es nichts, keine Hacken, kein Seil, keine stabilen Pflanzen.
Die Hose zu ruinieren wäre das kleinste Übel gewesen. Ich befürchtete schlimmeres: dass mich mein Rucksack beim Rutschen aus dem Gleichgewicht bringt und zur steilabfallenden Felskante zieht. Was tun? Die starke Heldin markieren und etwas riskieren? 
Nein. Das was mich sonst oft dazu bringt mich zu puschen und mir Druck zu machen, schob ich in Gegenwart des Themas "weich - hart-sein" beiseite. Nach einigen sehr nachdenklichen Minuten stand ich auf, um mir einen anderen Weg zu suchen. Das Projekt Fischerweg war für mich soeben gestorben. Denn alle Beteuerungen in Erfahrungsberichten zum Trotz, wurde für mich klar, dass der Weg nicht alleine gegangen werden sollte. Diese Stelle jedenfalls war ohne Hilfe brandgefährlich. 

Zum Glück war der restliche Weg nicht mehr schwierig und ausgesprochen schön.

Blick auf Sagres
Blick auf Sagres

Sagres - alles ist ganz falsch

An der Kreuzung am Rande der Stadt Sagres rief ein blond gelockter junger Mann meinen Namen. Meine Hostelvermieter waren gerade vom Einkauf mit dem Campingbus zurückgekommen. Als sie eine Wanderin sahen, schlossen sie, ich müsse ihr Gast sein. Stimmte tatsächlich. Es zeigt, wie viele Touristen zur dieser Zeit unterwegs waren. Sofort fiel ich auf.

In Sagres war alles cool.
Hier wird gesurft. 
Die Haare der Männer sind lang, wuschelig bis struppig, die jungen Frauen bildhübsch wie aus dem Katalog. Einige der jungen Leute wirkten abgefrackt. Wahrscheinlich ist das auch cool. 

Ich war so erledigt, dass an Arbeiten nicht mehr zu denken war. Essen muss auch noch organisiert und die nächste Etappe genau studiert werden. Meine Schulter schmerzte vom Rucksack, obwohl ich alles auf ein Minimum reduziert hatte. Vor allem das Wasser und die Lebensmittel waren sehr schwer.

"So geht das nicht", sagte ich mir. "Durch den täglichen Wechsel des Standortes komme ich kaum mehr zum Arbeiten. Auspacken, Einpacken, Verpflegung organisieren und den Weg finden und gehen, nächste Etappe planen nimmt zu viel Zeit in Anspruch. Ausserdem will ich ja nicht stur den Fischerweg abwandern, sondern mir auch die Umgebung ansehen". Abends laufe ich in Sagres mindestens noch 2 Stunden durch die Stadt und mache Fotos.

Als ich die Tür des Hostelzimmers zum Garten hin öffne bekomme ich einen Ratschlag:

Leicht gesagt: wie kann ich meine Situation "simpler" machen?
Nach der Dusche legte ich alle Dinge, auf die ich - wenn es unbedingt sein müsste - verzichten könnte auf einen Haufen: MP3-Player, mein Notizbuch, Bankkartenetui, 2 Reservestifte, 1 Tshirt, den Regenschirm...
Es ist nicht viel, aber offenbar zählt für mich im Moment jedes Gramm.

Als ich mich abends ins Bett legte, schaute ich das Häufchen Dinge an, die ich nicht zwingend brauche und dachte: "Irgendetwas ist falsch. Total falsch."

Erste Einsicht

Als ich am Morgen die Augen aufschlug, fiel mein Blick wieder auf das Häufchen. Im gleichen Augenblick wusste ich: es ist alles verdreht. Die Dinge sind gar nicht zuviel. Es sind die Prioritäten die falsch sind: Um möglichst wenig Gewicht tragen zu müssen, hatte ich schon meine Sandalen und mein Buch in die Schweiz zurück geschickt. Das wollte ich eigentlich gar nicht. Bücher  und Papier (schreiben) bereichern mein Leben. Reisen und wandern ohne MP3-Player ist auch nicht schön, denn in schlaflosen Nächten (im Bus) oder beim Motivationstief beim Wandern hilft mir die Musik. 
Ich will mich nicht von einem Weg und den Tagesetappen in diesem Mass einspannen lassen, sondern arbeiten, parallel dazu Portugal entdecken und in Bewegung zu sein.

Entschlossen packte ich auch den kleinen Haufen wieder ein. Den einen Tag würde ich noch wie vorgesehen nach Vila do Bispo wandern, die drei geplanten Nächte da bleiben und mir einen Plan zurechtlegen, der mir das Arbeiten und Entdecken wieder ermöglicht.

Zu zweit unterwegs zum Cabo do S. Vincente

Am Morgen liess ich mir wieder etwas Zeit um eine knappe Stunde zu arbeiten. Nun lernte ich die Medizinstudentin Heather kennen, die französisch-sprechende Kanadierin, die neben mir als einzige Gast im Hostel war.
Auch sie hat die Coronakrise in Portugal verbracht statt nach Hause zurück zu fliegen. Spontan entscheidet sie mit mir bis zum Cabo do S.Vincente, an den äussersten Zipfel von Europa zu laufen, denn auch sie ist ein Bewegungsmensch und zu zweit ist es halt doch schöner, besonders nach der Corona-Isolation.

Es ist sehr heiss an diesem Tag. Zum Glück macht uns die Unterhaltung und die schöne Aussicht den Weg kurz.
Die Mittagszeit verbringen wir auf der Terasse des Restaurants. Ans Wandern ist nicht zu denken. Heather schenkt mir ihren Reservehut, weil meiner beim Einsteigen in Nunos Auto vor zwei Tagen verloren gegangen ist.
Als wir am späteren Nachmittag gemeinsam ein Stück zurücklaufen damit ich nach Vila do Bispo und sie nach Sagres abzweigen kann, besteht sie darauf meinen Rucksack zu tragen, denn sie ist gepäckfrei unterwegs. Ich kann meinen Arm nur noch schlecht bewegen. Das Tragen ist nicht schwierig, aber den Rucksack hochheben und Anziehen schaffe ich nur mit "Ui" und "Ai" und "Aua". 

Nach der Verabschiedung wartet ein sehr langer, sehr gerader Weg unter der brütenden Sonne auf mich. Ich gehe nicht dem Fischerweg entlang, sondern nehme den historischen Weg, der weniger schön ist, dafür aber kürzer. Ich vermisse immer noch eine Karte. In unser Online-Welt ist sowas auf Papier nicht mehr zu finden. Zumindest in Portugal.

Ich stöpsle mir die Kopfhörer in die Ohren und singe mit, bis ich wieder in Tränen ausbreche. Das Durcheinander in mir hat immer noch keine Ruhe. 

Vila do Bispo

Wohlweislich hatte ich hier drei Tage eingeplant für den Fall, dass ich nach den ersten Etappen meine Pläne korrigieren muss.
Sehr herzlich wurde ich von Corinna und ihrer Familie aufgenommen. Corinna hatte vorgängig meinen ganzen Blog gelesen nachdem ich ihr per Mail erzählte, was ich gerade tue. So kamen wir rasch ins Gespräch. Einmal mehr auf Deutsch. Das macht es so viel einfacher.

Ich bewohnte einen ganz niedlichen Bungalow mit Gartenterasse, der sich hinter dem Haus befindet. Bad ist im Haus, die Küche teilten wir uns.

Mir geht es überhaupt nicht gut, aber irgendwie doch. Es ist schön hier. Ich bin gut aufgehoben, das habe ich rasch gemerkt. Meine Gastgeber sind sehr aufmerksam und wir verstehen uns sehr gut.

Das Schulterproblem wird immer akuter

Aber es wird eine schlimme Nacht. Es gibt keine Position in der ich schmerzfrei bin. Aufrecht sitzend geht es noch am ehesten, aber so kann ich nicht schlafen. Während sonst, selbst bei starken Kopfschmerzen, eine Minidosis Schmerzmittel hilft, tut sich jetzt auch bei der 4fachen Menge nichts. Dennoch schlafe ich irgendwann ein. Zum Glück weiss ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass die nächsten 10 Nächte ähnlich sein werden.

Am Morgen ist der Arm unbrauchbar. Ich kann ihn nicht anheben, kann nicht mal eine leere Tasse halten, selbst wenn der Arm nur hängt. Melone schneiden? Schreiben auf der Tastatur? Fotografieren? Das sind Bewegungen, zu denen ich nicht in der Lage bin. Linkshändig kann ich auf der Tastatur tippen und meine Melone zuschneiden, aber so dauert alles ewig.

Die Neuplanung ist kompliziert

Da ich sowieso nur wenig Energie habe, nutze ich die Zeit für die Planung. Eines ist klar: ich kann nicht weiter in Etappen laufen, sondern suche mir besser einen fixen Standort für mindestens zwei Nächte, lasse mein Gepäck im Hotel und laufe von da aus soviel wie ich mag. Ich habe also eine Idee, wie ich meine Reise gestalten muss, damit sie wieder zu mir passt.
Doch auf den nächsten Etappen scheint das unmöglich. Es gibt keine Übernachtungs-möglichkeiten. Auch mit den Bussen lässt sich nichts arrangieren. Sie fahren kurz vor Mittag von Süden nach Norden und einmal gegen 16 Uhr umgekehrt. Das ist für mich leider genau verkehrt herum. Ausserdem: die Busse fahren wegen der Coronakrise gar nicht. Also: nach Carrapateira laufen oder das Taxi nehmen.


Carrapateira: eine Krise ist nicht genug

Meine aufmerksamen Gastgeber versorgten mich nicht nur mit entzündungs-hemmender Salbe, bis ich mir am Montag Schmerzpflaster aus der Apotheke besorgen konnte, sie boten mir sogar an mich nach Carrapateira zu fahren, falls mein Schulterproblem mir zu sehr zu schaffen macht.
Und dann erlebte ich es selbst, wie erleichternd es ist, wenn jemand, der sich im Land auskennt sagt: "Melde Dich, wenn etwas ist..." Dieser Satz wird in den nächsten Tagen mein Joker sein, der dafür sorgt, das ich die Nerven nicht verliere, während die Situation immer verrückter wird.

Weiterlaufen ist möglich, aber...

Am Vorabend der Abreise denke ich: "Das schaffe ich nicht." Trotzdem packte ich. Man weiss ja nie. Sehr früh bin ich wach, denn wenn ich meinen Arm beim Schlafen stabilisiere, kann ich zwar einige Zeit schlafen, aber dann wird er steif und die Schmerzen lassen sich kaum aushalten. Da ist aufstehen besser.

Vorsichtig rutsche ich auf dem Sofa zum Rucksack hin, schlüpfe mit der schmerzenden Schulter in den rechten Träger, versuche dasselbe - ohne Ruckeln - mit dem zweiten Arm und bin ganz erstaunt, dass es gut geht. Das Tragen ist kein Problem. Aber eines ist klar: den Rucksack hochheben und auf den Rücken schwingen - das geht nicht!

Trotz drei Tagen Wanderpause holt mich meine emotionale Krise mitten im schönen Wald wieder ein. Jetzt kommen wohl noch die Schmerzen und der fehlende Schlaf dazu. 
Ich hatte den kürzesten Weg der Strasse entlang gewählt und wüsste ich es nicht besser, so würde ich sagen: ich krieche im Schneckentempo. Öfters muss ich Pausen machen. Das Hauptproblem dabei ist, dass ich immer einen Baumstamm oder eine Bank oder ähnliches finden muss, damit ich den Rucksack sitzend anziehen kann.

zum Glück liegen immer wieder Bäume herum
zum Glück liegen immer wieder Bäume herum

Die letzen Kilometer laufe ich am Rand der Hauptstrasse entlang. Teilweise muss ich auf der rechten Seite laufen, damit ich sehe, ob in der Kurve Gegenverkehr kommt. Dabei wende ich mich ab, damit die heranfahrenden Fahrer nicht das Gefühl haben ich mache Autostopp. Dennoch hält plötzlich hinter mir ein schwarzes Auto. Oje - das ist ja nett, aber ... Oh, das ist ja Heather!

Sie ist unterwegs zum Strand nach Carrapateira und erspart mir durch das zufällig Treffen die letzten beiden Kilometer. Sie übt das Surfen, ich spanne den Regenschirm auf, erkläre ihn zum Sonnenschirm und ruhe mich aus.

der wunderschöne Strand von Carrapateira
der wunderschöne Strand von Carrapateira

Die Krise nimmt nicht ab, sondern spitzt sich zu

Was ich noch nicht weiss: wegen einer technischen Neuerung in der Schweiz funktioniert meine Postcard am Automaten nicht und ich werde in den nächsten 4 Tagen kein Geld abheben können. Noch habe ich 30 Euro, aber ich bin ahnungslos und gehe mit Heather am nächsten Tag, bevor sie nach Canada fliegt, noch ein Stück Kuchen im Cafe essen. Ein "Bargeld-Verschleiss" den ich mir unter diesen Umständen gar nicht leisten kann.

Doch es gibt noch zwei andere Problem:  weil ich am einzigen Automaten im Dorf kein Geld abheben konnte, bat ich meine Gastgeberin um eine Rechnung und den IBAN. Als sie am Abreisetag endlich damit ankommt,  führt die Post gerade zweitägige Wartungsarbeiten durch: nichts geht. Ich bin auf das Vertrauen der Gastgeberin angewiesen, denn meine alte Kreditkarte ist im Mai abgelaufen und es liess sich bisher nicht organisieren, dass ich die neue bekomme.

Die Kacke ist jetzt wirklich am Dampfen und es kommt noch mehr dazu: mit dem Handy kann ich nicht in die Schweiz telefonieren. Später wird klar: bis Ende Mai sind zwar alle Rechnungen bezahlt, aber die Januarrechnung habe ich irgendwie übersehen. Das wird dafür sorgen, dass ich keine Chance habe zu klären, warum ich kein Geld am Automaten beziehen kann und wie sich das lösen lässt.
Im Hostel wird man zwar meine Überweisung per eBanking akzeptieren, aber es lässt sich keine telefonische Verbindung in die Schweiz organisieren.
Meine deutsche Zimmerkollegin hilft mir mit 35 Euro aus der Bargeldkrise. Ich überweise das Geld per eBanking sofort an sie zurück (ja, jetzt geht es wieder), aber ihr Handy mag sie mir nicht leihen.

Noch bin ich völlig ahnungslos, geniesse diesen Nachmittag die Zeit mit Heather, spaziere in den nächsten zwei Tagen in den Dünen dem Fischerweg entlang, wobei der Rucksack zwecks Schonung meiner Schultern im Hotel bleibt.
Auch arbeiten kann ich wieder, denn jeden Tag kann ich die Schulter ein paar Zentimeter mehr bewegen und die schmerzfreien Momente werden häufiger.

Wunderschöne Dünenlandschaft bei Carrapateira
Wunderschöne Dünenlandschaft bei Carrapateira

Während ich denke, dass sich die Krise langsam beruhigt, baut sie sich in Wirklichkeit erst richtig auf... Doch dadurch lerne ich eine Lektion, die mir im Nachhinein sehr wertvoll ist.

Fortsetzung folgt in Kürze


P.S.: ich lebe noch :-)
PS 2:  aktuelle Lage: Standort: Setubal bei Lissabon. Plan: anfangs August wieder in der Schweiz sein, denn ab 15. Juli fahren die Fernbusse ab Spanien wieder.