Wieder unterwegs

10.06.2026

Mit kalten Händen und leicht fröstelnd sass ich um 7.44 Uhr am Bahnhof in Salva (Rumänien), als ich diese Zeilen zu schreiben begann. Zwei Stunden hatte ich hier bereits gewartet, ausserhalb des Dorfzentrums. Und weiter 2 Stunden musste ich noch warten, bis mein Zug kommt.

Warten in Salva - Zeit für ein Update

Rumänien, Săcel (Maramureș), Holzkirche
Holzkirche von Săcel (Maramureș)

Am Morgen um 5.30 Uhr hatte mich der einzige Bus des Tages an einer Hausecke im Dörfchen Săcel abgeholt. Nur die Einheimischen wissen, dass dort überhaupt ein Bus hält – und wann ungefähr er kommt. Gegen Abend würde er, der einzige Bus des Tages, aus der Stadt zurückkehren. 

Der verwunderten Busschauffeur liess mich am Bahnhof in Salva, also im Nirgendwo, aussteigen. Ich wollte nicht, wie alle anderen nach Cluj, sondern mit dem Mittagszug Richtung Osten, nach Moldawien. Also musste ich warten - und fand so die Zeit diese Zeilen zu schreiben. 

Ihr sollt endlich ein Update zu meinem Leben bekommen!

Ja, ich bin wieder unterwegs. Und ich geniesse es, auch wenn an der Toilette ein Zettel mit dem Wort "defekt" hängt und der Kaffeeautomat zwar mein Geld entgegen nimmt, aber nichts herausgibt. Wenn man gegen den Strom reist, muss man sich eben gedulden. 

Aber das Leben ist ja selbst im letzten Winkel der Erde unterhaltsam: aus der klapprigen Hütte mit Blechdach schlurfte eben der Besitzer in abgewetzten Pantoffel über den staubigen Boden und öffnete den Zaun. Zwei Ziegen hüpften munter hinaus und stürzten sich sofort auf das Gras auf dem Bahnhofsplatz. Hinter ihnen trottete ein dickes, schwarz-weisses Schwein her - und schon begann der Streit um den grünen Flecken.

Rumänien – wieder nicht geplant, trotzdem passiert

Der eigentliche Plan war (wieder einmal) ein ganz anderer. Seit August 24 habe ich als Betreuerin in Greifensee im Wohnheim für psychisch Beeinträchtigte gearbeitet. Da der Betrieb per Ende April 26 geschlossen wurde, plante ich mir Zeit für eine weitere Reise ein. Nach Finnland – mit Zug und Bus via Wien durch Polen, Litauen, Estland und Lettland. Dabei sollte sich auch entscheiden, wie es in meinem Leben weitergeht.

Aber kurz vor meiner Abreise wurde die Strasse von Hormus praktisch geschlossen. Als ich hörte, dass dadurch die Energieversorgung knapp werden könnte, sah ich mich in Finnland gestrandet – weit weg, viel zu weit, um notfalls mit dem Fahrrad zurückzufahren. Ich fragte mich, wie wichtig es mir wirklich ist, diese europäischen Länder zu sehen. Sie verändern sich gerade alle – vermutlich nicht zum Besseren. Aber muss ich sie wirklich sehen?

Ich liess es offen und beschränkte mich auf das, was bereits gebucht und bezahlt war: die Reise

Bahnwanderweg, Wandern, Semmering
Bahnwanderweg am Semmering (Österreich)

nach Wien, eine Woche wandern am Semmering und ein Abstecher nach Bratislava. Von dort aus wollte ich spontan entscheiden, ob ich weiterreise oder zurückkehre.

Ein ungeplanter Abstecher

In Wien fiel mir auf, dass ich am 6.5 aus dem Hostel auschecke, aber kein anderes Bett gebucht hatte. Wo sollte, wo wollte ich diese Nacht hin? 
Da fiel mir die GEA in Schrems ein, die nicht sehr weit von Wien entfernt ist. Diese Firma fasziniert mich schon lange. Heini Staudinger hat zusammen mit zehn Mitstreitern 1984 eine Schuhwerkstatt in Niederösterreich übernommen, zu einer Zeit, als Schuhe in Asien und Osteuropa produziert wurden und alle Welt billige Schuhe aus Fernost kaufte. Kenner der Branche wetteten darauf, dass das Unternehmen scheitern wird. Doch die 11 Mutigen kämpften um das Werk, weil daran Arbeitsplätze, die Lebendigkeit und Infrastruktur einer ganzen Region und damit das Wohl vieler Menschen hingen - mit Erfolg.

Warum mich die GEA fasziniert

Die GEA ist ein Vorzeige-Beispiel für eine andere Wirtschaft - ein Gegenmodell zur Gewinn-maximierung, der Wegwerfmentalität und den billigen Massenprodukten. Mit hochwertige Materialien, handwerklichem Können und möglichst umweltschonenden Prozessen produziert die GEA Schuhe, die Jahre halten und auch repariert werden können. Auf Genügsamkeit und sorgfältiges Wirtschaften viel Wert gelegt und die notwendige Werbung packt das Redaktions-team der GEA so gekonnt in die philosophisch-rebellische Hauszeitung «Brennstoff», dass sie mehr Seelenfutter schenkt, als manches "Wort zum Sonntag". 

Heini Staudinger ist mir ein Vorbild für kritisches Denken und den Mut zur freie Rede, selbst bei massivem Widerstand. Er benennt Missstände in Wirtschaft und Gesellschaft und kuschte auch 2012 nicht, als ihm die Bank den Kredit strich und ihm die Behörden verboten von Freunden Geld anzunehmen und zu verzinsen. Mit scharfen Worten und spürbarer Leidenschaft ging er an die Öffentlichkeit und verdeutlichte was das Waldviertel und die Welt verlieren, wenn dieses Herzensprojekt scheitert.  

Ich fuhr also nach Schrems in den wilden, österreichischen Norden, nah an der tschechischen Grenze.

Waldviertler-Schuhe
Blick in den GEA-Verkaufsraum in Schrems

Im jurtenförmigen Verkaufsraum der GEA probierte ich sämtliche Schuhe an, die mir gefielen, schaute am nächsten Tag den Mitarbeitenden an den ratternden Maschinen über die Schultern und kaufte im Ausstellungsraum – wer mich kennt, ahnt es schon - statt Schuhen ein Buch.


Mehr als ein Fabrikbesuch- die Reise bekommt einen neuen Sinn

Nach 24 Stunden GEA-Atmosphäre verstand ich warum ich hier war. Gleich zu zwei fragen, die mich bewegten fand ich Inspirierendes.
Die eine Frage worauf ich in meiner berufliche Zukunft den Fokus legen möchte.  

Mit der anderen Antwort hatte ich überhaupt nicht gerechnet: seit meinem Einsatz auf Lesbos 2018 war ich was Hilfsprojekte betraf ernüchtert und wollte solche Projekte nicht mehr unterstützen, egal ob mit Geld oder Zeit. Gleichzeitig war ich mit dieser Entscheidung unzufrieden. In Schrems kam ich zu neuen Schlüsseln, welche Hilfe wirklich hilft. Die Frage war nun, wie ich diese Einsicht ausbauen und praktisch umsetzen kann und will.

Am nächsten Tag sass ich frisch inspiriert wieder im Zug – diesmal mit Zielen, die nicht auf meiner ursprünglichen Reiseroute gestanden hatten...

Fortsetzung folgt Ende Juni 26

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