Ein surreal schönes Leben

Die Coronakrise tobt. Auch auf mich wartete eine Überraschung, als vor 12 Tagen die Rezeptionistin, mit Mundschutz ausgerüstet, vor der Tür meines Appartements stand und sagte, sie habe "a proposition". 

"Hui," dachte ich "jetzt machen auch die Portugiesen die Hotels zu." Aber mit dieser Annahme lag ich falsch. Die Hotelkette wollte nur Ressourcen sparen und ihre wenigen Gäste in einem einzigen Hotel unterbringen. Ein kostenloses Upgrade für die Umstände wurde mir dabei in Aussicht gestellt.

Vier Stunden später stand ich mit meinem wenigen Gepäck in der Eingangshalle. Herausfordernd war der Umzug nur, weil ich bereits für die nächsten 10 Tage Lebensmittel und 4 Liter Wasser gekauft hatte, um die Gänge zum Supermarkt zu vermeiden. Nun musste all das von A nach B verschoben werden. 

Netterweise fuhr uns ein Kleinbus zur neuen Unterkunft. Der Chauffeur hätte mir wohl gerne die grosse Lebensmitteltasche und das Wasser abgenommen, damit ich nicht zweimal von der Eingangshalle zum Bus laufen muss. Aber er schaute mich nur entschuldigend an, hob die Hände in die Höhe als werde er bedroht, und sagte "Coronavirus".
Alles klar. Selbst ist die Frau. 

Ich hatte einiges eingekauft. Aber nicht das ;-)
Ich hatte einiges eingekauft. Aber nicht das ;-)

Nach einer kurvenreichen 5-minütigen Fahrt durch Strassen und Gässchen wurde ich im neuen Hotel abgeladen. Es war alles so schnell gegangen, dass ich etwas irritiert in meinem neuen, riesigen Appartement  herumstand. Ich hatte keine Ahnung wo innerhalb von Portimao ich mich jetzt befinde. Zudem war das Appartement gross genug für eine ganze Familie und ich fühlte mich etwas verloren.

Zum Glück zeichnete sich gerade in diesem Moment ein Regenbogen ab, den ich natürlich sofort fotografieren musste und so schüttelte ich den beduselten Zustand ab.

Der Ausblick bei meiner Ankunft
Der Ausblick bei meiner Ankunft
Am nächsten Tag bei schönem Wetter: mein Hotel links mit Umgebung
Am nächsten Tag bei schönem Wetter: mein Hotel links mit Umgebung

Bald erwies sich der neue Standort als Glücksfall: 

  • statt 30 Minuten brauchte ich nur noch 10 Minuten zum Meer
  • den ganzen Vormittag hatte ich auf meinem Balkon Sonne, was ideal ist für meine Schreibroutine
  • statt eines riesigen Supermarktes gab es in der Nähe zwei kleine. Davor bildete sich keine Warteschlange und der Einkauf von Wasser und Kaffeefilter war schnell erledigt
  • am späten Nachmittag schien die Sonne in die Küche. Bald verbrachte ich da die Nachmittage und wechselte übergangslos vom Schreiben zum Kochen. 
  • auch ein Backofen war vorhanden

Das alles nutzte ich während den 10 Tagen gerne aus.

Ist wirklich Corona?

In diesen Tagen hat mich die Coronakrise kaum betroffen, ausser wenn ich die Nachrichten sah. Ich hatte sowieso nichts anderes vor als an meinem Buch zu schreiben. Nur das Herumreisen und das Entdecken meiner Umgebung musste ich auf ein Minimum beschränken.

Zweimal leistete ich mir in Verbindung mit einem Einkauf einen längeren "Umweg": einmal wanderte ich dem Küsteweg in Partimao entlang und blieb den restlichen Nachmittag am Strand sitzen.

Einmal machte ich eine vierstündige Wanderung (mangels ÖV) zur Dünenkette und Lagune von Alvor.

Im Nachhinein stellte ich fest, dass es verboten gewesen wäre hier zu wandern. Aber da ich von der anderen Seite hergekommen war, bemerkte ich das erst am Schluss der Wanderung. 

Und  jetzt?

Vorgestern stellte sich die Frage: "Wie geht es nun weiter?" Ich hatte bis zum 31.3. gebucht. Die Quarantäne ist noch bis zum 3.4. verordnet und das riesige Familienappartement wollte ich mir nicht leisten.

Im Hinblick auf das Risiko, dass die Hotels doch noch geschlossen werden, suchte ich eine neue Unterkunft via airbnb. Etwas was ich bisher noch nie getan habe.

Ich entschied mich ausserdem mich 30 km näher an die spanische Grenze zu bewegen. Einerseits ist Portimao wirklich nicht hübsch, schon gar nicht, wenn alle Shops und Restaurants dem Strand entlang geschlossen sind. Andrerseits wollte ich noch etwas vom Land sehen. 

Also habe ich mich vorgestern mit dem Zug 35 km in Richtung der spanischen Grenze, nach Albufeira, bewegt. Der Hintergedanke dabei: wenn Spanien jemals seine Grenzen wieder öffnet (... ;-)) werde ich versuchen in Etappen der Küste entlang via Barcelona in die Schweiz zurück zu kommen. Ob und wann das klappt, weiss niemand, aber bis Ende Mai darf ich als Schweizerin auf alle Fälle in Portugal bleiben. Da sowieso alle geschäftlichen Termine abgesagt wurden, ist das auch kein Problem.

Nach einer Stunde ungewissem  Herumstehen vor der vereinbarten Haustür in Albufeira wurde ich doch noch abgeholt und erlebte beim Betreten des Appartements eine Überraschung: 

Voller Blick aufs Meer.
Später entdecke ich, dass ich auch hier am Morgen auf dem Balkon die Sonne geniessen kann und zum ersten mal habe ich auf dieser Reise ein ultrawarmes, kuscheliges und bequemes Bett. Es knarrt nicht, die Matratze ist deutlich dicker als ein Buch und die Decke wärmt wie ein kleiner Ofen.

Gestern Nachmittag, als die Sonne vom Balkon verschwand und es in der Wohnung kalt wurde, habe ich mich zusammen mit dem Laptop zwischen die Berge weisser Kissen und Decken verkrochen und stundenlang weiter gearbeitet.
Eine neue Erfahrung.
Ich  meine mich zu erinnern, dass Agahta Christie ihre Bücher in der Badewanne geschrieben hat...?

***

Heute ist einkaufen angesagt. Dabei werde ich Albufeira ein bisschen erkunden und Euch dann später davon berichten.
Bedenkt man wie dramatisch die Situation für viele Menschen im Moment ist, finde ich meine Situation surreal komfortabel, unspektakulär, ja geradezu luxuriös.

Ich hoffe, auch Du kannst in diesen verrückten Tagen viele schöne Momente erleben.





Bildquelle:

Foto mit Mundschutz und Desinfektionsmittel von Klaus Hausmann auf Pixabay
Einkaufswagen mit Klobpapier von Alexa auf Pixabay
alle anderen sind hausgemacht