ready to cowntdown

"Bist Du zum Einsiedler geworden?" diese Frage wurde mir vor einigen Tagen zu Recht gestellt. Ich bin tatsächlich in der Versenkung verschwunden und habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging.

Mein Wohn- und Lernzimmer in Faro
Mein Wohn- und Lernzimmer in Faro

Tag für Tag arbeitete ich mich durch eine Online-Weiterbildung, von der ich erhoffte, dass ich mit dem neuen Wissen eine Einnahmequelle schaffen kann, denn Corona stellt auch mich vor eine "neue Realität".

Der Lernprozess war allerdings anspruchsvoll. In den letzten 20 Jahren war ich dauernd mit Weiterbildung beschäftigt, doch was ich die letzten 4 Wochen zu lernen hatte war komplex. Es brachte mich an meine Grenzen. 


Der Lern-Marathon

Da ich das Neue unbedingt lernen wollte, schaltete ich in den "Marathonmodus" um: einfach weitermachen, nicht ablenken lassen, Wehwehchen und Verzweiflungsanfälle ignorieren. Bloss nicht stehen bleiben, denn dann bin ich raus und brauche einen Neustart. Den schaffe ich vielleicht nicht mehr. 

Dann kommt der nächste Energieschub ganz von selbst und mit ihm das erste Erfolgserlebnis: Der Lernstand, der im Lernprogramm angezeigt wird, nähert sich zuerst den ersten 10%, dann 20%, dann den 50 %, dann 75%.
Längst ist für mich erlebbar, dass ich das was vor Tagen noch total neu war, zu begreifen beginne und manches schon ganz gut klappt.  

Der Marathonmodus führt allerdings dazu, dass ich manches andere "vergesse". 

  • Mir fällt nicht auf, dass ich seit Wochen nichts mehr habe von mir hören lassen, denn es fühlt sich nur nach ein paar Tagen an.  
  • Erst wenn 23 SMS auf meinem Handydisplay sehe, merke ich, dass es länger nicht eingeschaltet war.
  • Es ist 01.00 Uhr nachts und das was ich lerne ist so spannend (oder so schwierig), dass ich mir nur ein langes Gähnen gönne und mich die nächsten Stunden weigere ins Bett zu gehen. Ich habe gerade keine Lust zu schlafen, egal, was mein Körper sagt.
  • An einem Abend wunderte ich mich, was für eine Riesenportion Essen ich brauchte, um mich satt zu fühlen. Da fällt mir ein, dass ich wohl seit dem Frühstück zu essen vergessen habe - oder war das gar nicht heute, sondern gestern? :-)

Faro erwacht - und ich tauche wieder auf

Jetzt bin ich wieder da. 
Mir scheint, dass sich der Einsatz gelohnt hat. So habe ich die Coronazeit genutzt, um nach einem neuen Weg zu suchen. Reisen war in dieser Zeit sowieso nur begrenzt erlaubt und vor allem machte es keinen Spass. 

Ich bin am 30. April von Montenegro, etwas ausserhalb von Faro, in ein portugiesisches Haus in der Altstadt von Faro umgezogen. Corona sei Dank hatte ich es fast immer ganz für mich allein. Erst gestern, am 1. Juni,  bin ich weiter gereist. Nicht wie geplant nach Osten Richtung spanische Grenze, sondern genau in die andere Richtung nach Lagos. Fast ganz nach Westen (1,5 h Zugfahrt).

Die Algarve - die südlichste Region von Portugal - ist seit meiner "Flucht" aus Porto mein Zuhause
Die Algarve - die südlichste Region von Portugal - ist seit meiner "Flucht" aus Porto mein Zuhause
mein Zuhause in Montenegro
mein Zuhause in Montenegro
zwar keine Mandelblüte, aber ein würdiger "Ersatz"
zwar keine Mandelblüte, aber ein würdiger "Ersatz"
von Montenegro aus war ein schönes Naturschutzgebiet zu Fuss erreichbar
von Montenegro aus war ein schönes Naturschutzgebiet zu Fuss erreichbar
"Las Medulas" hatte ich für meinen Rückweg in Spanien geplant. Ganz zufällig stiess ich hier im Naturpark auf eine wunderschöne "Miniaturausgabe".
"Las Medulas" hatte ich für meinen Rückweg in Spanien geplant. Ganz zufällig stiess ich hier im Naturpark auf eine wunderschöne "Miniaturausgabe".


Stadtbummel durch Faro

Parallel zu den schrittweisen Lockerungen endete auch meine Lernerei. 
Ich erkundete Faro immer häufiger, sah zu, wie zuerst die kleinen Geschäfte, dann die grossen öffneten. 

Blick von der Lagune Richtung neue Stadt
Blick von der Lagune Richtung neue Stadt
Blick von der Lagune Richtung Altstadt
Blick von der Lagune Richtung Altstadt


Ich schaute was in den Gassen los ist... Vorher war nichts los. Fast nichts.

Doch vor wenigen Tagen kamen weitere Lockerungen. Ich hörte ein erstes Flugzeug und sah wieder Leben in den Gassen...

Man setzt sich wieder ins Cafe...
Man setzt sich wieder ins Cafe...
...auch gemeinsam.
...auch gemeinsam.

Nur wenige Strassen vom Zentrum entfernt sass ich während einige Tage oft auf der gigantischen Terasse "meines" Hauses ohne etwas zu tun.

Ich schaute den blauen Himmel an, schaute den vorbeifliegenden Störchen zu, vergnügte mich in der Küche mit kochen und backen, übte weiter das Brushlettering und wartete bis ich wieder Energie und Lust habe "etwas zu tun". 

Dann nahm ich die Arbeit an meinem Buch wieder auf. Dazu schreibe ich nächstes mal mehr.


Typisch Faro

Das fiel mir vom ersten Tag in Faro auf: viele Tore, viel abblätternde Farbe...

...und - bezeichnend fürs Stadtbild aber auch für die Ohren -  die Störche und ihr lautes Geklapper.

Kunstvolle Böden...

... und hinter dem Tor - guck mal! ...

...die violetten Bäume:

Überflüssig zu sagen, dass mich das begeistert hat, oder? 

Diese Bäume konnte ich von der Terrasse aus sehen.
Diese Bäume konnte ich von der Terrasse aus sehen.
Dieser Baum stand beim Container, wo ich Plastik- und Papiermüll entsorgen konnte.
Dieser Baum stand beim Container, wo ich Plastik- und Papiermüll entsorgen konnte.

Es hat so wunderbar geduftet!

Verlängerte Aufenthaltsgenehmigung

Regelmässig prüfte ich, wie die Dinge sich an der Grenze in Spanien und Frankreich entwickeln und welche Planung für den Rückweg sich daraus ableiten lässt. 

Die Schweizer Botschaft hatte mir zwischenzeitlich ganz unbürokratisch versichert, dass ich meinen Aufenthalt über die üblichen 90 Tage hinaus verlängern kann, falls nötig.  Wegen Corona sei auch allen Flüchtlingen, die sich ohne Bewilligung in Portugal aufhalten, ein Bleiberecht zugesichert und der Zugang zum Gesundheitswesen und zu sozialer Unterstützung ermöglicht. 
Die Portugiesen beeindrucken mich immer wieder mit ihren Entscheidungen. 

Konkrete Rückreisepläne

Die Planung meiner Rückreise ist wirklich eigenartig. Zuerst wurde klar, dass die Spanier den Tourismus doch vor Weihnachten wieder aufnehmen :-) Am 1. Juli schon. Fliegen ist also nicht zwingend. Zum Glück, denn...

Was die Airlines sich leisten können

Es wurde bekannt, dass wieder vermehrt Flüge in die Schweiz gehen. Allerdings ohne Auflagen was die Abstandsregeln betrifft. 
Ich bin sauer.

Jede(r) KleinunternehmerIn, vom Ladenbesitzer bis zum Restauraninhaber, kämpft wegen den Abstandsregeln mit dem reduzierten Umsatz und muss damit zurecht kommen. Jeder muss die Gesundheit in den Vordergrund stellen. Ich als potentielle Kundin will die Sicherheit haben, dass man wenigsten die Distanz zu halten versucht.
Aber die Airlines können einfach sagen "ein halb besetztes Flugzeug lohnt sich  nicht" und "150 statt 100 Euro für denselben Flug bezahlen die Leute nicht" . Und: sie kommen damit durch. 

  • Die Branche, die der Umwelt massiven Schaden zufügt (weil wir diesen Lebensstil leben wollten) soll weiter machen wie bisher. Ja, neuerdings darf das Fliegen sogar noch unsere Gesundheit gefährden?
  • Ausgerechnet für das Fliegen, eine Verhaltensweise, die das Coronavirus systematisch ausgebreitet hat, wird unserer Gesundheit zuliebe kein finanzieller Anreiz gesetzt?

Dass die Umwelt nicht für jeden wichtig ist, kann ich nachvollziehen. Dass uns die Gesundheit den Zuschlag nicht Wert ist, geht über mein Verstehen.

Ich wollte sowieso nur im Notfall fliegen, aber unter diesen Umständen würde ich aus Protest - äh lass mich nachdenken... -  schwimmen! Oder laufen.

So, das musste ich loswerden. Bitte ausschneiden und in die Welt hinaustrompeten. Ich finde, das geht so nicht - oder wie seht ihr das?


Der Sommereinbruch

Ich liebäugelte damit im Süden von Spanien über die Grenze zu fahren und zu Fuss und per Zug Richtung Schweiz weiter zu reisen. Da wurde es in Faro so heiss, dass mir das Atmen schwer fiel.
So laufen? Im Süden von Spanien? Keine guter Plan. Eine nördliche Route ist wohl besser. 

Wenige Wochen zuvor hatte Gaby am Telefon gescherzt ich könne ja den Jakobsweg rückwärts laufen. Jetzt sieht es danach aus, dass ich genau das tun werde. Denn während ich nach einer nördlichen Route suchte wurde klar: 

  1. vor anfangs Juli wird Spanien geschlossen sein für Touristen. Was tu ich bis dahin? Mich bewegen. Das ist klar.
  2. erstaunlich: der Camino de norte geht bis nach Genf (na ja - weiss ja nicht, ob ich das vor Weihnachten schaffe und im Oktober habe ich einen fixen Termin :-)
  3. in der Schweiz sind die Campingplätze noch geschlossen bzw. voraussichtlich stark belegt und nicht für Zelte geeignet. Le grand Tour de Suisse zu beginnen, ist wohl keine gute Idee.
  4. eigentlich würden viele gerne ins Ausland in die Ferien. Ich bin schon da. Warum sofort zurückkommen?
  5. die nördliche Route in Spanien, der GR 11,  hat eine direkte Verbindung nach Portugal... (siehe rot gepunktete Linie).

Das meine ich mit "die Planung ist eigenartig". Sie verläuft rückwärts:
Zuerst prüfte ich die Route in Spanien. Da fällt mir ein, dass ich - wenn ich schon Zeit und Gelegenheit habe - doch noch einen Aufenthalt in Lissabon planen könnte, denn keiner weiss, ob ich 2021 reisen kann. Bedeutet: ich reise von Faro aus in die entgegengesetzte Richtung nach Lagos.
Während ich das plane, entdecke ich, dass der Fischerweg als einer der schönsten Fernwanderwege Europas gilt. 

Der Fischerweg

Der Plan ist: Im Juli durch Nordspanien Richtung Frankreich zu laufen/reisen. In kurzen Etappen.
Den Fischerweg nutze ich, um langsam wieder in Übung zu kommen. 

In Lagos mache ich mich bereit für die Reise zu Fuss: Hier werde ich ein Paket schnüren und alles was ich nicht mehr brauche (von Strumpfhosen über Speicherplatten) in die Schweiz schicken und alles organisieren was mir fehlt:

"Einkaufs"-liste

  • Haare schneiden (das habe ich bisher rausgeschoben)
  • Ich brauche einen Hut.
  • Das zweite von 3 Paar Socke ist nun auch hinüber.
  • Meine Wanderschuhe haben nach 3 Monaten Dauerbeschäftigung Risse. Zumindest Klebband brauche ich. Neue Schuhe einlaufen? Hm....?
  • Meine Bluse (eine von zwei) habe ich einmal schon geflickt, doch gestern sah ich, dass der Stoff an der ganzen Schulter durchgescheuert ist.
  • Aus meiner Hose bin ich rausgewachsen. Im Alltag ist es mir nicht aufgefallen, aber wenn ich den Rucksack trage, muss ich sie ständig festhalten. Das wird durch das vermehrte Laufen eher nicht besser. 
  • Wanderkarte...?!


Expeditionsausgangspunkt Lagos

Lagos ist für diese Vorbereitungsaktion ideal. Im Gegensatz zu Faro habe ich auch ohne Auto leichten Zugang zu allem. Das kommt, so habe ich gestern gelernt, von früher. Lagos war schon immer Ausgangspunkt von Expeditionen: Heinrich der Seefahrer & Co ;-)

Bis am 8.6 will ich alles erledigt haben. Dann gönne ich mir 3 Tage auf einem internetfreien, solarbetriebenen Campingplatz im Wohnwagen. Digitale Abstinenz ist mir nach der Online-Weiterbildung ein Bedürfnis. Zudem beginne ich da erste längere Distanzen zu laufen. Corona hatte seinen Preis, was Muskeln und Kondition betrifft. 

Karte zum Fischerweg. Ich starte im Süden.
Karte zum Fischerweg. Ich starte im Süden.

Am 11.6. laufe ich oberhalb von Lagos los (wird hier nicht angezeigt. Liegt östlich von Sagres). In 2-3 stündigen Etappen gehe ich zum südwestlichste Ende von Portugal, nach Sagres. Von da an folge ich dem blauen oder grünen Weg Richtung Lissabon (blau ist der Fischerweg).

Was andere in 3 Tagen machen, mache ich (höchstens) halb so schnell, damit ich arbeiten kann. Einen Zwischenstopp in Vila do Dispo mache ich, weil die nächsten Etappen lang zu sein scheinen (5-7 Stunden Gehzeit).
Da fragt sich, ob ich zuerst einige Tage in Vila do Dispo fleissig arbeite und dann ein paar Tage nur laufe. Denn nach 7 Stunden laufen ist zwar mein Hirn fit, aber zum Schreiben reicht's trotzdem nicht mehr.

Realistisch?

Ob das alles klappt?
Ob und wie ich zum Arbeiten komme?
Wie ich das mit meinem Biorhythmus, dem Laufen, dem Schreiben und dem Wetter zusammen bringe?
Ob ich wirklich um den 20.6. herum in Lissabon ankomme und 
ob ich wirklich die Route in Spanien beginne?
All das weiss ich nicht. 
Das finde ich nur durch Ausprobieren heraus. 
Ob mir der Spass vergeht, wer weiss? 
Das riskiere ich.

Egal wie alles ausgeht. Davon werde ich sicher gerne erzählen.
Die Geschichte wird vielleicht sogar besser, wenn einiges nicht klappt oder ganz anders wird.


Das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen. 
Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen. 

Julia Engelmann