Von Sagres nach Lissabon, krisengeschüttelt, Teil 2

Als mich  Isabella die österreichische Hostelbetreiberin an der Reception des wunderschönen Hostels gerade einchecken lassen will, sage ich zu ihr "Ich habe einen Berg Probleme". Sie unterbricht ihre Arbeit, schaut mich aufmerksam an und ich erzähle ihr, dass 

  • ich kein Bargeld mehr habe (na ja ... noch 1.50 Euro)
  • sämtliche Bankkarten nicht mehr funktionieren und 
  • die Kreditkarte im Mai abgelaufen ist. 
  • ich nicht klären kann, was mit meiner Post-/Bankkarte los ist weil mein Handy weder mit der portugiesischen noch mit der schweizerischen SIM-Card eine Verbindung in die Schweiz herstellt. 

Ich kann ihr nur anbieten die 5 gebuchten Übernachtungen per eBanking zu bezahlen. 

Fremde, die Freunde sind

Isabelle ist selbst oft gereist und hat selbst erlebt, wie sich diverse Kleinigkeiten zu einem Konglomerat an Schwierigkeiten zusammenbrauen und zu einem scheinbar unlösbaren Problem werden können. Rasch merke ich, dass sie die Dinge pragmatisch anpackt und mich nicht hängen lassen wird. 

Tatsächlich ist das scheinbar riesige Problem am nächsten Morgen innerhalb von zwei Stunden gelöst. Mi t einem Anruf vom Hostel aus erfahre ich, dass die portugiesischen Bankomaten nicht mit den letzten Neuerungen der Schweizerbanken mithalten und daher meine Karte nicht mehr geht. Ich solle am Automaten prüfen, ob die Funktion "Visa plus" angezeigt wird. Da müsste es eigentlich klappen. 

So einfach war es dann doch nicht. Nach weiteren zwei erfolglosen Versuchen finde ich eine Bank in der es neben Automaten auch Menschen gibt. Ich schildere der Angestellten mein Problem und sie präsentiert mir einige Minuten später voller Stolz eine Adresse, die sie mit Hilfe ihrer Kollegin und Googel gefunden hat. In ganz Almada gibt es einen (!) Automaten der mit meinen Karten kompatibel ist - im Einkaufscenter ausserhalb der Stadt.

Dankbar für die Hilfe und doch seufzend verlasse ich die Bank, denn wieder habe ich nur eine "mögliche Antwort und niemand weiss, ob das nun wirklich funktioniert. Da fällt mir ein, dass ich als eine der Krisenmassnahme in Aljezur 200 CHF auf die alte Maestrokarte verschoben habe. Wer weiss, ob diese Karte funktioniert. Ich, gehe an den Automaten und habe Sekunden später 100 Euro in der Hand. Ich atme auf. Die Odysee ist zu Ende. Gelernt habe ich, dass es Fremde gibt, die so hilfreich wie gute Freunde sind. Wären sie nicht gewesen hätte ich schon viel früher die Nerven verloren.

Rückblick - von Carrapateira nach Lissabon

Als ich vor meiner Abreise in Carrapateira am Bankomat kein Geld abheben kann, um meine Hotelrechnung zu bezahlen, denke ich mir nicht viel. Es kommt schon mal vor, das ein Gerät nicht funktioniert.
Zum Glück lässt sich alles regeln und es bleibt mir genügend Geld für das Taxi, das mich bis zur Baushaltestellt Santa Barbara bringen soll. "Das ist im Nirgendwo" sagt mir der Taxifahrer und ich versichere ihm, dass ich das weiss. Ich will ab da nach Alzejur laufen. Wegen meiner Schulter halbiere ich mit der Taxifahrt die Wanderung um die Hälfte.

Ab Santa Barbara laufe ich los und erlebe es noch einmal, was mir in Barão de São João schon passiert ist : nach über einer Stunde, komme ich wieder da an, wo ich gestartet bin, obwohl ich sorgfältig ein Kroki geschrieben hatte.


Ich setze mich etwas frustriert unter den Baum, esse zu Mittag und studiere die Karte nochmal um zu verstehen, was schief gelaufen ist. Eine Dame kommt nach einiger Zeit vom Haus am Hügel herunter zum Zaun und fragt mich fürsorglich, ob es mir gut geht. Ich bin gerührt über soviel Aufmersakmkeit.Im zweiten Anlauf gelingt es mir dann auch den Weg nach Alzejur zu finden. Es geht rauf in die Hügel und Wälder, dann der Höhe entlang und runter nach Alzejur. Tatsächlich bin ich im Nirgendwo und es ist beeindruckend schön.

Die schottische Wirtin in Portugal

Weil ich im Hostel noch nicht einchecken kann, setze ich mich im "Champion" an einen Tisch und bestelle eine Cola und frage, die schottische Restaurantbesitzerin, ob sie weiss wo mein Hostel ist. Wir kommen sofort in ein angenehmes Geplauder, sie bedient mich, legt mir 10 Minuten später einen rosaroten Zettel mit ein paar Zahlen hin und erklärt, dass sie nun schliesst, weil am Nachmittag nie was los sei. Ich soll aber ruhig sitzen bleiben, die Nummern seien das Passwort fürs Internet "für alle Fälle" und winkt ab als ich das 1Euro"teure" Getränk mit einem 20 Euro schein bezahlen will. "Komm einfach wieder und bezahl es dann", sagt sie und fährt mit ihrem Mann im Auto davon. Mir ist das recht, hier fühle ich mich wieder wohl; ich habe wieder das Gefühl, auf einen offenen Menschen getroffen zu sein.

Nach dem Einchecken im Hostel versuche ich an 6 Geldautomaten Geld abzuheben, aber es geht nichts. Langsam wird mir klar, dass irgendetwas nicht stimmt, aber es ist Wochenende. Ich muss abwarten, wie es am Montag aussieht.

Zwischenzeitlich erfahre ich, dass die Küche im Hostel geschlossen ist. Nicht mal ein Wasserkocher kann benutzt werden. Das zwingt mich meine Selbstverpflegung aufzugeben und das den Kaffee im Restaurant zu trinken. Das passt gerade gar nicht. Meine Barschaft schmilzt, doch ich behalte die Nerven. 

Ich weiss, dass es in der Schweiz Menschen gibt, die mir helfen würden. Das wird aber gerade nicht gehen. Barbara, die meine Schweizer Post in Empfang nimmt hat mir angeboten notfalls per Western Union Geld zu überweisen. Das ist schon mal ein guter Ansatz. Was mich ruhig bleiben lässt, ist die Zusage von Corinna, meiner Gastgeberin in Vila do Bispo, dass ich mich melden soll und darf, wenn ich Hilfe brauche, denn sie und ihre Familien sind vor Ort.

Das Schöne am Schwierigen

Eigentlich war geplant ab Aljezur ein Stück mit dem Bus zu fahren. Nachdem ich meine Prioritäten in Sagres wieder zurechtgerückt habe, werde ich schauen, wie es funktioniert, wenn ich mindestens 3 Tage an einem Ort bleibe und mit Halbtageswanderungen die Gegend erkunde. Doch weil Wochenende ist und ich abwarten muss, bis ich mit der Bank bzw. Post das Kartenproblem lösen kann, entscheide ich mich in der Region zu bleiben und nach Arrifana zu laufen. Nur dank dieser Situation entdecke ich den kleinen Küstenort, der all meine Erwartungen übertrifft.

Mit 3 Euro verlasse ich das Hostel in Alzejur, finde plötzlich noch 1.50 Euro im Rucksack und frage mich, wie es nun wohl weiter gehen wird. Das Hostel in Arrifana kann ich via eBanking bezahlen. Die Receptionistin übernimmt das Risiko persönlich indem sie mich aufgrund meiner Überweisung via eBanking einchecken lässt, aber das Wasser und das Essen gehen mir bald aus.

Diese Situation zwingt mich Menschen etwas zu tun, was ich selten in meinem Leben mache: um Hilfe bitten. Ich akzeptiere diese Umstände als "Therapie". Denn ich weiss: ich helfe selbst gerne, wenn ich um Hilfe gebeten werden. Aber für mich selbst trage ich die Überzeugung mit mir herum, dass ich selbst zurecht kommen muss. Dabei habe ich während der letzten Wochen erlebt, wie schön gegenseitige Hilfe sein kann.

Freundschaftsdienste im Hostel

In den Hostels wird die bedingungslose, freiwillige Hilfe jeden Tag gelebt. Auf der Reise mit Rucksack und Wanderschuhen ist die Frage nicht "Brauchst Du etwas?" sondern "Was brauchst Du? Was fehlt Dir gerade?".

Das ist anders als im "normalen Leben". Da fragt man "Wie gehts?" und plaudert zusammen über dies und das. In den Hostels ist man sofort an den esentiellen Themen, die darüber bestimmen, ob man sich gut oder schlecht versorgt fühlt in seinem Leben:

  • der eine Gast hat kein Salz und muss seine Nudeln fad essen, wenn ihm niemand aushilft

  • der andere hat kein Shampoo oder keine sauberen Kleider mehr

  • jemand weiss nicht, wie seine Reise weitergehen kann, sei es wegen den coronabedingten Ausfällen von Angeboten oder - wie in meinem Fall - weil die Bankkarten schlapp machen und keine Buchungen möglich sind.

Bei einer Zimmerkollegin vermute ich, dass Geld und Lebensmittel knapp sind. So wie sie sich verhält bzw. ernährt deutet einiges darauf hin. Sie zum Essen einzuladen ergibt sich nicht, aber als ich abreise überlasse ich ihr alles, was mir zu viel ist um es herum zu tragen: Eine angefangene Packung Reis und Linsen und ein offenes Glas Gurken. Es ist eine Kleinigkeit, aber für mich bedeutet dieses "Geschenk" ein Kilo weniger zu schleppen, für sie mindestens eine Tagesverpflegung.

Diese Art von Hilfe erlebte ich in den Hostels tagtäglich. Jetzt bin ich es, die in der Klemme steckt und Hilfe braucht. Ich haue meine alten Ansicht, dass man im Leben alleine zurechtkommen muss in die Tonne und beschliesse abzuwarten, wie die Menschen, die mir in dieser Situation helfen wollen und können in mein Leben kommen. Falls sie nicht von selbst kommen, werde ich sie mir suchen bzw holen müssen - in Vila do Bispo zum Beispiel. Aber vorerst bin ich in spielerischer Stimmung trotz meiner Sorgen: ich will schauen was ganz von selbst geschieht.

Doch vorerst geschieht nur eins: ich entdecke bei einem Abendspaziergang in welchem Paradies ich gelandet bin und - das auch hier kein Geldautomat geht, weil er gar nicht in Betrieb ist.

Arrifana Strand
Arrifana Strand

Meine deutsche Zimmerkollegin, die nach dem Abendspaziergang ins Zimmer kommt ist es, die mir die nötige Hilfe gibt. Sie leiht mir am nächsten Morgen 10 Euro für meinen Lebensmittel- und Wasserbedarf. Sie bezahlt das Ticket für den Bus nach Lissabon. Sie visiert das Taxi an, das uns am frühen Morgen von Arrifana zur Busstation nach Alzejur bringen soll. Damit ist die Reise nach Lissabon ist gesichert. Ich bin sehr dankbar, denn ich gehe davon aus, dass sich mein Geldproblem in dieser grossen Stadt irgendwie lösen lässt. Den geliehenen Betrag überweise ich sofort per eBanking an sie zurück.

Auf der Rückreise

Es gäbe noch einiges zu erzählen, von

  • von Almada, südlich von Lissabon und dem kurzen Abstecher in die Hauptstadt

  • vom Ausweichen nach Setubal, weil in Lissabon die Coronafälle wieder so zunehmen, dass einzelne Regionen wieder in die Quarantäne müssen.

  • von der alten Stadt Evora, die wunderschön ist und sehr hohe Temperaturen hat

Doch diese Erlebnisse müssen nicht unbedingt erzählt sein. Im Vordergrund steht jetzt gerade, dass ich meine Rückreise tatsächlich organisieren konnte und nun gespannt bin, ob alles klappt.

Der konkrete Plan

Gemäss Buchung nehme ich den allerersten Bus, der seit der Coronakrise von Guarda nach Salamanca fährt, am 23 Juli. In Salamanca muss ich mich etwas gedulden, denn das Reiseangebot ist noch klein. Am 28. Juli kann ich mit dem Nachtbus weiter reisen nach Avignon von wo aus ich am 5.8 einen Bus bekommen sollte, der mich direkt nach Bern bringt.

Was Corona betrifft war es in den letzten Wochen in Portugal etwas unruhig. Bedrohlich war es nicht. Ich habe die Krisenorte einfach gemieden und habe statt der Hauptstadt von Portugal den Naturpark Serra da Estrela erwandert. Hier ist es wunderschön. Um zu wandern und zum Arbeiten gibt es genügend Platz und Ruhe. Das war so geplant.
Mit meinem Buch und den anderen Arbeiten komme ich so zwar voran, aber manchmal nicht ganz wie vorgesehen, denn ein netter Portugiese, der seit 32 Jahren in Deutschland wohnt, ist mir von Evora aus nachgereist und verwickelt mich hier in Gespräche und Wanderungen und lädt mich zum Abendessen im nahegelegenen Restaurant ein. Es ist der dritte Verehrer seit ich in Portugal bin. Eigentlich komisch, in der Schweiz habe ich seit Jahren ständig keinen. Woran das wohl liegt?

Mein Buch

Das Update zu meinem Buch "Emotionaler Missbrauch" ist überfällig:

Ja, ich komme voran mit der Schreiberei. Obwohl ich deutlich gekürzt habe in den letzten Wochen, hat das eBook immer noch 95 Seiten. Auf den letzten 30 Seiten arbeite ich inhaltlich; da gibt es noch ein paar Lücken. Im vorderen Teil feile ich an den Sätzen, Worten und Satzzeichen,. Da bin ich also in der letzten Korrekturrunde vor dem Lektorat. Trotzdem gibt es immer noch viel zu tun und ich frage mich an manchen Tagen, wann ich fertig werde. Es ist schwer einzuschätzen. Aber ich hoffe, dass der Text im September ins Lektorat kann.

Wenn ich den nächsten Blogbeitrag schreibe, werde ich Euch erzählen, was ich im Online-Kurs gelernt habe und ihr werdet mein "Gesellenstück", das seit gestern fast fertig ist anschauen können.