Wie sich der Sinn einer Reise findet

14.07.2026

«Das war der beste Fehler des Jahres», sagte ich zur Rezeptionistin der GEA-Akademie in Schrems. Irrtümlich hatte ich in Wien kein Hotelzimmer gebucht. Dieses Versehen nutzte ich für einen 24-stündigen Abstecher zur GEA-Schuhwerkstatt. Danach wollte ich entscheiden, wie meine Reise weitergeht – vor allem, welchen Sinn sie hat.

Entgegen meinen Befürchtungen schien das Benzin vorerst nicht auszugehen, trotz des Engpasses in der Strasse von Hormus. Ich konnte also weiterreisen. Aber die Frage war: wohin? Und vor allem: wozu? Bratislava wollte ich sehen, so viel war klar. Und dann? Wie geplant durch das Baltikum nach Finnland?

Es kam anders, denn auf dem ungeplanten Umweg zur Schuhwerkstatt begegnete ich einer Antwort, die ich seit meiner Kindheit gesucht hatte.


Blick in die Schuhwerkstatt der GEA
Blick in die Schuhwerkstatt der GEA

Das Spinat-Afrika-Problem

In meinem Elternhaus gab es am Esstisch eine Regel: «Iss Deinen Teller leer, die Menschen in Afrika wären froh, sie hätten etwas zu essen.» Wer dem nicht folgte, musste am Tisch sitzen bleiben, bis der letzte Krümel runtergewürgt war. 

Tiefen Kummer fühlte ich, weil ich die Bilder der abgemagerten, dunkelhäutigen Menschen, die mit aufgeblähten Bäuchen auf dem staubigen Boden sassen und die ich aus dem Fernsehen kannte, vor Augen hatte. Und ich sass wütend vor dem Teller, wenn es wieder mal gehackten Spinat gab. Ich musste kämpfen, um mich nicht zu übergeben, wenn dieses grüne, cremig-krümelige Zeug in meinen Mund kam. 

«Schick das Zeug doch nach Afrika!», schrie es in mir. «Was hilft es den Menschen in Afrika, wenn ich den Spinat esse?», fragte ich mich – rebellisch und gedrückt zugleich. «Das Zeug müsste direkt da hin!» Aber die elterliche Macht duldete weder Widerspruch noch Argumente. 

Bis heute belastet es mich, dass manchen Menschen Nahrung, Kleidung und ein Auskommen fehlen – ob in Afrika, Rumänien oder der vermeintlich reichen Schweiz. Akzeptieren kann ich es nicht. Verdrängen nur temporär.

Lesbos: Hilfe ohne Perspektive 

Das war einer der Gründe für meinen Kurzeinsatz auf der Insel Lesbos. Doch die Bilanz dessen, was dort erreicht wurde, war für mich ernüchternd: wir Helfer verteilten Essen, das von der Regierung und Hilfswerken zur Verfügung gestellt wurde, und halfen damit bei der minimalen Versorgung. Doch die Kinder liefen trotz winterlicher Verhältnisse in kurzen Kleidern und barfuss herum, während ich über meinen Pulli und meine normale Winterjacke eine überdimensionierte, luftgepolsterte, dicke Jacke gezogen hatte und dennoch den ganzen Tag im Camp fror. Ich wurde krank – vermutlich nicht wegen der Kälte und auch nicht wegen des Schimmels in der Helferunterkunft. Vielmehr plättete mich die Erkenntnis, dass diese Entwicklungshilfe den Flüchtlingen das Leben rettete. Mehr aber auch nicht. Diese Menschen waren Lehrer, Handwerker, Händler … Sie hatten Können, Erfahrung und Potenzial. Aber Eigeninitiative wurde meist blockiert. Die Flüchtlinge mussten Monate, ja Jahre hinter den mit Gittern abgeschirmten Mauern warten.

Man gab ihnen zu essen – jedenfalls meistens.
Aber man hielt sie, wie Hunde im Zwinger.

Das war eine «Hilfe» ohne Würde und Perspektive.

Armut versus Leiden am Zuviel

Damit nicht genug: Während der eine Teil der Menschheit Mangel leidet, quält sich der andere durch ein Leben voll Überfluss und Überanstrengung. Wir «Reichen» sind überfrachtet, weil wir Dinge erwerben, verwalten, versichern und Instand halten müssen.  

Das Viele frisst unsere Zeit und Unbeschwertheit. Doch wer das erkennt und sein Leben vereinfachen will, stösst wieder auf das Spinat-Problem: Wir können das Zuviel aus unseren überfüllten Kühlschränken, Bücherregalen und Garderoben oft nicht sinnvoll weitergeben. Selbst Brauchbares müssen wir wegwerfen oder recyceln, denn sogar die Brockenstuben sind überfrachtet.

Anderswo würden die Dinge dringend gebraucht.

Nun, zehn Jahre nach dem Lesbos-Einsatz, entdeckte ich in den Räumen der GEA, wie «Hilfe» besser geht.

Lösungen, Lösungen, Lösungen

Die Schuhwerkstatt legt den Fokus auf die Region Waldviertel und hat mit diesem zielgerichteten Engagement in den vergangenen Jahren vielen Menschen «geholfen». Die Macher, Denker und kreativen Köpfe der GEA denken in langfristigen Konsequenzen statt kurzfristigen Gewinnen und machen klar: Wenn Unternehmertum sich nicht nur um Profit und Zahlen kümmert, sondern alle verfügbaren Ressourcen schonend und «Wert schätzend» nutzt, blüht Wohlstand auf.

Menschen werden inspiriert und aktiv: nicht wegen der Produkte werden sie Kunden. Zumindest nicht nur. Vielmehr erkennen sie Sinn darin, ihr Geld in eine benachteiligte Region statt in weltweit agierenden Konzernen zu investieren. Dort bleibt es im Umlauf und ermöglicht neue, sinnvolle Projekte. Deshalb legen Kunden mit dem Apfelbäumchen-Darlehen ihr Geld an. Sie bezahlen Schuhe, die sie nicht brauchen, damit die GEA produzieren kann und sie an Menschen verschenkt, die sie dringend benötigen (Ironie der Geschichte: Ein Teil der Schuhe geht nach Lesbos).

Sogar Bio-Dosentomaten stehen im Schuhverkaufsraum - und das macht Sinn. Denn ihr Verkauf erlaubt Menschen in Afrika, sich eine Existenz aufzubauen. Sie müssen nicht als Flüchtlinge nach Italien, um in der Tomatenindustrie zu arbeiten. Stattdessen haben sie in ihrer Heimat eine Perspektive.
Auch in Schrems müssen weniger junge Menschen abwandern, um ihr Leben zu bestreiten. Heute arbeiten hier 170 Mitarbeiter. Die Möglichkeit, täglich bei der Schuhproduktion zuzusehen, lockt genauso Besucher an wie die GEA-Akademie.

Das kurbelt den Tourismus in der Region an und nützt zum Beispiel auch dem Kunstmuseum vor Ort (wo natürlich auch ich hingegangen bin).
Deutsche und tschechische Gerbereien überleben, weil ihr Leder (wieder) gefragt und anständig bezahlt wird.

Ich war beeindruckt, ja fasziniert. Ein paar Menschen hatten die Initiative ergriffen und mit klaren Zielen und Herz Lösungen mit Mehrfach-Wirkung gefunden. Sie haben nicht «geholfen». Und wie weit ihre Wirkung reicht! Und wie viel Stolz und Freude ich vor Ort über die eigene Wirkung spüren konnte!

Schrems Kunstmuseum
Skulpturenpark im Kunstmuseum Waldviertel, Schrems

Seit Jahren steht in meinen Big Five, dass ich Teil von hilfreichen Projekten sein möchte. Projekten, die «den Spinat doch nach Afrika bringen». Nun endlich entwickelte ich eine Idee, wie das gehen könnte. Und mir wurde klar, was ich mit meiner Reisezeit anfangen will: mehr über solche Lösungen lernen – und, wo immer möglich, selbst Teil davon werden.

Neue Reiseziele

Am nächsten Tag setzte ich mich in den Park der GEA an den Computer und fragte die KI, ob es noch ähnlich wirkungsvolle Projekte gibt. Sie fand allerhand und ich strich meine ursprüngliche Lettland-Finnland-Planung komplett. Stattdessen entschied ich, einigen Projekten nachzugehen, die ähnliche Früchte tragen wie die Schuhwerkstatt in Schrems.

Als erste Station meiner «Studienreise» plante ich einen Besuch bei der Vollpension in Wien.

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